Der Kunstverein in Hamburg freut sich, in der Sommersaison in der Ausstellungsserie #UNFINISHEDTRACES die Preisträger*innen der Villa Romana einem größeren Publikum vorstellen zu dürfen. Der Villa Romana-Preis ist der älteste Kunstpreis in Deutschland und wird seit 1905 jedes Jahr an vier Künstler*innen verliehen. Zu den Preisträger*innen zählten u.a. Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Georg Baselitz, Anna Oppermann, Michael Buthe und viele weitere Künstler*innen, die die Kunstgeschichte bis heute geprägt haben. Die Villa Romana gehört bis heute zu den wenigen Residenzen, die zahlreiche Kooperationen mit dem regionalen Umfeld eingeht und die das Residenzprogramm eng mit einem kuratorischen Programm verschränkt.

Die Künstler*innen Jeewi Lee, Christophe Ndabananiye, Lerato Shadi und Viron Erol Vert sind die Villa Romana-Preisträger*innen 2018, die von dem Künstler Nasan Tur und Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, dem Direktor von SAVVY Contemporary, Berlin, ausgewählt wurden.

Der Soundkünstler Headless Horsemen hat erstmalig in Kollaboration mit Viron Erol Vert für das Ausstellungskonzept „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes“ eine siebenteilige experimentelle Audio- Collage und umfassende musikalische Verbindungen zu den gesamten Anteilen des eigenen Ich’s, zu dessen fremden und verdeckten Teilen erarbeitet. In metaphorischer Bezugnahme auf Freuds topisches Modell des psychischen Apparats – bestehend aus Ich, Es und Über-Ich und dem siebenstufigen Weg des menschlichen Seins des Sufisums, werden den Besucher*innen die Zusammenhänge und Gegensätzlichkeiten dieser Thematik musikalisch eröffnet und setzten die daraus entstandenen, unterschiedlichen Klangsprachen im Zeitraum der Ausstellung mit den Besucher*innen zueinander in einen Dialog. Dazu wird in einem als Eröffnungsmoment der Ausstellung gedachten Soundperformance, ein musikalisches Experiment zur Frage der menschlichen Selbstwerdung aus den verschiedenen kulturellen Kontexten betrachtet und miteinander verbunden. „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes“ Der Soundkünstler Headless Horsemen hat erstmalig in Kollaboration mit Viron Erol Vert für das Ausstellungskonzept.

Der Titel der Einzelausstellung von Viron Erol Vert formt sich um einen Satz, mit dem der Künstler seit seiner Kindheit in den unterschiedlichen kulturellen Kontexten und Sprachen, aus denen er stammt, konfrontiert worden ist und der ihn bis zum heutigen Tag begleitet. Die verschiedenen und teils widersprüchlichen Momente, die der Satz in sich birgt, bilden den semantischen Rahmen, in dem Vert sich künstlerisch mit den verschiedenen Aspekten und Sichtweisen des Eigenen und des Fremden auseinandersetzen möchte. Aufgewachsen ist Vert zwischen dem Norden Deutschlands, Istanbul und Athen in einem multikulturellen familiären Umfeld. Seit seinem Studium in Berlin lebend, arbeitete er parallel seit über 20 Jahren in verschiedenen sub-kulturellen Kontexten und der Clubszene Berlins. Der im Titel zitierte Satz steht somit in enger Verbindung zu Verts eigener Biografie, die vom Zustand des Dazwischen-Seins geprägt ist. In diesem Dazwischen laufen verschiedene Kulturen, Sprachen, Sichtweisen und auch Lebensauffassungen zusammen und verbinden sich so zu einer hybriden Identität. Ausgehend von einer durchgängigen Gleichberechtigung und rhizomatischen Vereinigung der unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Menschen, stellt sich aus der Perspektive des In-der-Mitte-Seins noch einmal mehr die fundamentale Frage: Wo fängt das Ausländische, das Fremde an und wo hört es auf?

„Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist das was anderes“ zeigt sich als audio-visuelle Assemblage, die die Besucher*innen der Ausstellung mit den drei künstlerischen Ausdrucksformen Malerei, Objekt und Sound zusammenbringt und zu einer Einheit verbindet. Zentrale Komponente der raumgreifenden Installation ist im übertragenen Sinne das Triptychon, das aus der religiösen Tradition der seit dem Mittelalter in der christlichen Kunst verbreiteten dreiteiligen Andachts- und Altarbildern heraus entstanden ist. In seiner Dreiteiligkeit verweist das Triptychon auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die erst zusammengenommen das Göttliche bilden. Vert verbindet diese Aspekte hier mit Freuds Modell, das ebenfalls erst in der Gesamtheit der drei Teile das Selbst konstituiert. Die Betrachter*innen sind eingeladen, bei ihrem Aufenthalt auf sieben Architekturobjekten nachempfundenen Podesten oder Sitzgelegenheiten, die immer jeweils mit einer Malerei und einem Klang eine Einheit sind, zu verweilen. Eine in diesem Kontext wichtige und im siebener Rhythmus ausgestaltete Sicht auf das Selbst, die hier mit den sieben Sockelobjekten verbunden wird, findet sich im Sufismus, in dem der Begriff Nafs sowohl für die Person oder das Selbst steht, aber auch die Bedeutung von Seele hat. Der klassische Sufismus sieht in der Entwicklung des Egos die Auslöschung der menschlichen Qualitäten, die durch die göttlichen Qualitäten ersetzt werden. Der Sufismus kennt sieben verschiedene Stufen, die durch die unterschiedlich farbigen Malereien in der Ausstellung symbolisiert werden. In den sieben Malereien sammeln, überlagern und manifestieren sich verschiedene Gedanken- und Erinnerungsskizzen. Es handelt sich um eine nicht gedachte, unbewusste Malerei, die versucht, sich im Moment des geistigen und seelischen Dazwischens in Schichten auf der Leinwand zu manifestieren.

Im historischen Kontext der Hansestadt Hamburg stellt das Projekt die kritische Frage über den Umgang mit dem Eigenen und dem Fremden und spannt den Bogen von der von einer frühen Globalisierung geprägten Hanse, über die Zurschaustellung „exotischer“ Objekte im Museum und sogar Menschen wie sie u.a. in den Völkerschauen des Hagenbecker Zoos praktiziert wurden bis hin zur aktuell weltweit sogar offen auf höchster politischer Ebene artikulierten und wachsenden Xenophobie.

Viron Erol Verts (1975 in Berlin geboren, lebt und arbeitet in Berlin und Istanbul) Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen, Galerien und Museen gezeigt, darunter im Moskauer Museum für Moderne Kunst, im Leopold Museum, Wien, der Galerie Reinhard Hauff, u.v.m.


Lerato Shadi: Batho ba me
27.6. – 19.7.2020

Jeewi Lee: re
25.7. – 16.8.2020

Christophe Ndabananiye:11° 40' S 27° 29' O
22.8. – 13.9.2020

Viron Erol Vert: „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“
19.9. – 11.10.2020

Viron Erol Vert, „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“, installation view, Kunstverein in Hamburg, 2020, Photo: Fred Dott
19.09. - 11.10.2020

#UNFINISHEDTRACES - Viron Erol Vert - „Ich mag keine Ausländer, aber bei dir ist es was anderes.“

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