„Voids“ – das sind Lücken, Löcher, Leerstellen, Vakua und damit unbesetzte Räume bzw. Stellen, an denen Material abwesend ist. Der Begriff bezeichnet Fehler im ursprünglichen Aufbau ebenso wie nachträgliche Verletzungen, die eine ehemals intakte Struktur oder Anwesenheit belegen. Löcher, Lücken, Leerstellen legen Zeugnis über Ereignisse, Eingriffe und Angriffe ab. Abgesehen von der physischen Dimension, können sie sich auch auf Wissens- oder Wahrnehmungslücken beziehen und Informationen schlucken, die wir nicht zu sehen, hören, verstehen oder einzuordnen in der Lage sind. Sie können einen Ort beschreiben, der jenseits unseres mentalen oder sinnlichen Zugriffs liegt. Mit Enter the Void begeben wir uns zu diesen Orten. Die ausgestellten Werke belegen deren Existenz und den Umgang mit ihnen.

In dem Begriff „void“ treffen sich Lawrence Abu Hamdan, Ursula Biemann, Paulo Tavares und das Recherche-Kollektiv Forensic Architecture. Enter the Void präsentiert den die Akteur*innen verbindenden Ansatz, Lücken in der Übermittlung von Ereignissen, in Beweisketten oder in der Rechtsprechung ebenso aufzuspüren wie Nullstellen in unserer sinnlichen und physischen Wahrnehmung. In umfangreichen Recherchen, mittels Auswertung von digitalem Material, Feldforschung oder Interviews untersuchen die Künstler*innen diese Leerstellen und machen sie in ihren Ausstellungsbeiträgen für uns begehbar.

Forensic Architecture kreist in ihren Fallbearbeitungen immer wieder um den Topos „negative evidence“. Dieser entstammt der Rechtswissenschaft und wird verwendet, wenn das Fehlen eines materiellen Zeugnisses – beispielsweise in Form der Verschleierung oder Zerstörung von Material – als eigener Beweis verstanden wird. Es handelt sich demnach um eine Beweisführung ex negativo. Lawrence Abu Hamdan und Paulo Tavares lernten sich im Rahmen ihrer Arbeit innerhalb des Recherchekollektivs Forensic Architecture an der Goldsmiths University, London kennen. Seit langer Zeit verfolgen sie jedoch unabhängige künstlerische Projekte. So widmen sich Paulo Tavares & Ursula Biemann dem Ökosystem und der Frage nach der Welt als Lebewesen. Lawrence Abu Hamdan konzentriert sich insbesondere auf Aussagekraft und Wahrheitsgehalt von Ton und Stimme.

Es ist der Aspekt der (vermeintlichen) Abwesenheit, der in der Ausstellung Enter the Void die Beiträge von Lawrence Abu Hamdan, Ursula Biemann, Forensic Architecture und Paulo Tavares verbindet. Ihre Arbeit leistet immer wieder Beiträge zur Neubewertung und Aufklärung von Verbrechen. Sie ist daher nicht nur in der Kunst, sondern auch gesellschaftlich von großer Bedeutung. Die Gegenwartskunst wird hier zum Austragungsort für den Kampf um Demokratie, Gerechtigkeit, Natur- und Menschenrechte.