Was ist Natur? Der Begriff ist in unserem Alltag allgegenwärtig, doch unser Verhältnis zu dem, was wir „Natur" nennen, ist geprägt von Spannungen, Missverständnissen und Gegensätzen. Wir idealisieren „Natur“ und beuten sie gleichzeitig aus. Wir erforschen Lebewesen mit großem Aufwand, ignorieren aber auf der anderen Seite wissenschaftliche Erkenntnisse. Oft sprechen wir von Natur, als wäre sie „das Andere“, das ohne menschliches Zutun existiert. Doch die Vorstellung einer strikten Trennung von Kultur und Natur oder die Ansicht, dass die Tier- und Pflanzenwelt etwas grundsätzlich und wesensmäßig anderes ist als die vom Menschen geschaffene Kultur, ist nicht länger zu halten. Wie wir uns ernähren, wohnen, kleiden und fortbewegen prägt die Erde. Dies zeigt sich nicht zuletzt im Klimawandel und im Verlust von Biodiversität, den gegenwärtig größten ökologischen Katastrophen, deren Intensität und Auswirkungen in der Verantwortung der Menschheit liegen.
 
Um den immensen menschlichen Einfluss auf die globale Umwelt zu benennen, brachte der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen 1995 den Begriff „Anthropozän“ als Bezeichnung für die gegenwärtige, vom Menschen geprägte geologische Epoche ins Spiel. Während unser Verhältnis zu Landschaften und Lebewesen voller Widersprüche und Projektionen ist, wird der Begriff „Natur“ weiterhin ganz selbstverständlich verwendet: Natur wird geliebt, gesucht, geschützt und für Marketing benutzt. Doch wir befinden uns längst in einer Zeit des Hinterfragens von vertrauten Vorstellungen der Ko-Existenz mit nicht-menschlichen Wesen, der Neubewertung von Wirtschaft und Konsum und der Suche nach einem neuen Verständnis von Natur, das die Verstrickung des Menschen mit seiner Umwelt stärker berücksichtigt.

Die Ausstellung „Was ist Natur?” versteht sich als Teil einer Suche nach neuen Naturverständnissen. Was meinen wir, wenn wir heute von Natur sprechen? Welche Wünsche, Bedürfnisse und Bilder stehen hinter diesem Begriff? Was bedeutet es für den Menschen, Teil der Natur zu sein? Wie verändern sich Vorstellungen von Natur angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse über Tiere und Pflanzen, über das Klima und den menschlichen Einfluss auf die Erde?
 
So definiert die Ausstellung den Begriff „Natur" bewusst nicht, sondern sie möchte zum Zweifeln einladen, Annahmen hinterfragen – und zum Staunen anregen. Mit Kunstwerken sowie Objekten aus den Wissenschaften und der Kulturgeschichte erkundet die interdisziplinäre Ausstellung Zusammenhänge von Pflanzen, Tieren, Kultur, Technik, Menschen und Mikroben, um neue Perspektiven auf die Natur der Gegenwart zu gewinnen.
 
 
EINBLICKE IN DIE AUSSTELLUNG
Die Ausstellung beginnt mit der Erkundung des Lebens unter unseren Füßen: den vielfältigen Lebensformen, die unsere Ökosysteme im Gleichgewicht halten. Die Neuproduktion der norwegischen Künstlerin Sissel Tolaas beschäftigt sich mit der molekularen Kommunikation durch Duftstoffe zwischen Bakterien und Insekten im Erdboden. In Tolaas’ Installation können diese Kommunikationsmittel sinnlich erfahren werden. Um ökologische Gleichgewichte und die Rolle von Mikroben geht es auch in einem Kapitel der Ausstellung, das in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Balance of the Microverse“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena entstanden ist. Dank der stetigen Weiterentwicklung von Geräten und Verfahren wächst das Wissen um die Kleinstlebewesen, die unseren Planeten vor Millionen von Jahren entscheidend prägten und unsere Existenz bis heute ermöglichen.
 
Die unlösbare Verstrickung von Natur und Technik wird am Beispiel des Frankfurter Flughafens als Lebensraum betrachtet. In Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftshistoriker Nils Güttler (ETH Zürich) geben Objekte und Bilder Einblicke in eine durch und durch vom Menschen geprägte Naturkultur-Landschaft. Die Gewichtung der Bedeutung von Mensch und Natur ist auch ein Thema des Films „My Name Means Future“ (2020) der US-amerikanischen Künstlerin Andrea Bowers. Der Film begleitet die 16-jährige Aktivistin Tokata Iron Eyes, die von ihrem Alltag als Indigene in den USA spricht, von ihrem Verständnis von Natur und der Rolle des Menschen bei der Gestaltung der Zukunft.

Um die Zukunft der Menschheit geht es auch in der Installation „Mitigation of Shock (London 2050)“ (2020) [Linderung des Schocks, London 2050] des Künstler- und Designerkollektivs Superflux. Die Besucherinnen und Besucher werden in eine Londoner Wohnung des Jahres 2050 versetzt: Auf dem Tisch liegt ein Buch über Haustiere als Proteinquelle, im Hintergrund wächst Gemüse in Nährlösung unter künstlichem Licht. Basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Prognosen kreiert Superflux ein Szenario, das den Klimawandel in den Alltag holt.