Die Berührung war und ist ein Motiv in der Kunst, über das sich nahezu alle Themen des menschlichen Wesens darstellen lässt. Allein in den jahrhunderteumfassenden und genreübergreifenden Sammlungen der Museen Böttcherstraße werden Aspekte wie Fürsorge, Liebe, Treue, aber auch Verletzung und Schmerz in Kunstwerken von Paula Modersohn-Becker, Tilman Riemenschneider, Bernhard Hoetger oder Lucas Cranach d.Ä. thematisiert. Aus dieser Erkenntnis heraus und unter dem Eindruck der Abstands- und Distanzregeln zur Eindämmung des Corona-Virus entwickelte sich die Ausstellungsidee zu „Berührend – Annäherung an ein wesentliches Bedürfnis“, die nun vom 19. September 2020 bis zum 24. Januar 2021 im Paula Modersohn-Becker Museum realisiert wird. Leihgaben von Künstlerinnen und Künstlern wie Marina Abramovic, Stephan Balkenhol, Vivian Greven, Käthe Kollwitz, August Macke, Robert Mapplethorpe oder Edvard Munch ergänzen die Sammlungswerke, sodass ein Rundgang durch 65 Kunstwerke in fünf Themenräumen entsteht. Der Stellenwert der Berührung für unsere heutige Gesellschaft wird durch Zitate, Texte und Videos von Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen verdeutlicht. Die Arten, Variationen und Gehalte von Berührung sind weitaus vielfältiger, als sie in einer einzelnen Ausstellung gezeigt werden können. Die in den Museen Böttcherstraße ausgestellten Werke können jedoch veranschaulichen, wie bedeutsam und vielfältig das Thema in der Kunst und im Leben ist.

Gleich zu Beginn des Rundgangs hängt ein Bildpaar, das die Mehrdeutigkeit des Titels „Berührend“ veranschaulicht: „Christus als Schmerzensmann“ (um 1537) von Lucas Cranach d. Ä. und Paula Modersohn-Beckers berühmtes „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ (1906). Nicht nur die Selbstberührung der abgebildeten Personen qualifizieren diese Gemälde für die Ausstellung, sondern vor allem die emotionale Berührung, die durch die starke Ausdruckskraft der Kunstwerke hervorgerufen wird. Das Bild von Lucas Cranach d. Ä. offenbart das Leiden Christi und diente in seinem ursprünglichen Zweck einer fast physischen Glaubenserfahrung; die Hände deuten auf die Wunde, die durch die Berührung sogar noch weiter geöffnet wird. Durch den intensiven, leidenden Blick kann sich der Betrachter dem Schmerz nicht entziehen. Paula Modersohn-Becker hingegen vermittelt durch die sanfte Umschließung ihres nackten, gewölbten Bauches gepaart mit dem friedlichen Gesichtsausdruck eine innere Ruhe und Zufriedenheit.

Verschiedene Arten der Berührung werden im Ausstellungsrundgang in fünf Themenräumen mit rund 65 Kunstwerken beleuchtet; so wie die Berührung zwischen einer Mutter und ihrem Kind, in denen sich Fürsorge und Schutz widerspiegeln. Der kunstgeschichtliche Ursprung dieses Motivs liegt in der Darstellung von Maria mit dem Christuskind wie das Beispiel „Maria lactans“ (1515) aus der hauseigenen Sammlung zeigt. Fortgeführt wird dieses Sujet unter anderem in der Skulptur „Mutter und Kind“(1936) von Bernhard Hoetger oder – konzentriert auf die schützende Bedeutung der Hände – in August Mackes „Porträt Walter Macke mit Häschen“ (1910).

Weniger um Schutz als vielmehr um Liebe geht es im nächsten Themenraum, wobei der sexuelle Aspekt ausgespart wird, da es um die Berührung an sich gehen soll. In der Fotografie von Robert Mapplethorpe „Embrace“ (1982) oder dem Holzschnitt „Kuss II“von Edvard Munch (1897) verschmelzen die Körper geradezu in der Berührung. Die Identitäten der Figuren sind nicht erkennbar, weil es weniger um den Einzelnen als um das Zusammen geht.

Wenn sich bisher das Thema der Berührung durchweg positiv dargestellt hat, ändert sich dies mit dem Video „Light/Dark“ (1977) von Marina Abramovic und Ulay. Denn eine Berührung kann auch schmerzhaft sein, Grenzen überschreiten. In dem Videofolgen die Zwei der Handlungsanweisung: „Abwechselnd ohrfeigen wir uns, bis einervon beiden aufhört.“ Valie Export thematisiert die Grenzüberschreitung gegenüber dem weiblichen Körper auf komische aber nicht weniger eindringliche Weise in der Performance „Tapp- und Tastkino“ (1967): Sie entlarvt männliche Übergriffigkeit –bzw. Männer entlarven sich selbst – indem sie der Einladung folgen, die Brüste der Künstlerin vor den Augen der Öffentlichkeit zu berühren.

Das Kunstwerk der Ausstellung, das sich an Aktualität kaum übertreffen lässt, ist die Fotografie von Michael Wolf „Tokyo compression #75“ (2010). Beim Anblick der fast zum Gebet gefalteten Hände, den geschlossenen Augen und dem durch eine Mund- Nasen-Maske verdeckten Gesicht hinter der von Atem beschlagenen U-Bahn-Tür kommen automatisch Assoziationen an Corona- bedingte Schutzmaßnahmen auf. Entspannung nach diesem beklemmenden Kunstwerk bietet das Video „Open my Glade“ (2000) von Pipilotti Rist, das ursprünglich auf den riesigen Screens des Times Square in New York lief. Sie presst ihr Gesicht gegen eine Scheibe; diese Unmittelbarkeit und Nähe sind faszinierend und unangenehm zugleich.

Berührung hat viele Gesichter. Sie begegnet uns täglich in unterschiedlicher Gestalt. Wie und in welcher Form, verdeutlichen in der Ausstellung neben den ausgestellten Kunstwerken auch Stellungnahmen von unterschiedlichen Berufsgruppen. Darunter sind zum Beispiel eine Masseurin, die über die entspannende Wirkung der Berührung spricht, ein Produktdesigner, der die Relevanz der Haptik in der Gestaltung thematisiert sowie eine Hebamme, die über die Wichtigkeit der ersten Berührung zwischen Mutter und Neugeborenem spricht.

Auch wenn bei der Ausstellung weiterhin die Verhaltensregel „Bitte nicht berühren“ gegenüber den Kunstwerken gilt: Das zu Grunde liegende Ziel des Projekts ist, die Relevanz und die Notwendigkeit der Berührung für das Menschsein offenzulegen. Denn erst durch die Berührung erkennt der Mensch die Welt.

Die Ausstellung kann nur realisiert werden dank der Unterstützung einiger Sponsoren und Förderer. Dazu zählen die Sparkasse Bremen, die Karin und Uwe Hollweg-Stiftung, die Öffentlichen Versicherungen Bremen sowie die Wirtschaftsförderung Bremen.

Wir freuen uns außerdem sehr, dass für dieses Projekt die Wall GmbH als Sponsor gewonnen werden konnte. Medienpartner sind der Radiosender Radio Bremen 2 und die Tageszeitung Weser-Kurier.

Robert Mapplethorpe, Embrace, 1982, Fotografie, © Robert Mapplethorpe Foundation
19.09.2020 - 24.01.2021

Berührend – Annäherung an ein wesentliches Bedürfnis

Museen Böttcherstraße

Böttcherstraße 6–10
28195 Bremen