Das Fragezeichen im Titel der Ausstellung tierisch schön? des Deutschen Ledermuseums verweist auf die symbiotische wie auch ambivalente Beziehung zwischen Mensch und Tier. Die in jüngster Zeit vermehrt geführten Debatten um das Tierwohl lassen ethische und ökologische Fragen lauter werden und regen kontinuierlich zum Nachdenken, wie sich das Zusammenleben von Mensch und Tier nachhaltig gestalten lässt, an.

Zu diesem Diskurs kann und soll ein Museum, dessen Sammlung auf Exponate aus tierischen Materialien spezialisiert ist, einen Beitrag leisten. Das DLM in Offenbach am Main hat mit seiner Fokussierung auf Leder und artverwandten Materialien weltweit ein Alleinstellungsmerkmal in der Museumswelt: Über 30.000 Objekte zeugen von der jahrtausendealten globalen Verwendung und der vielfältigen kulturhistorischen Bedeutung des Werkstoffs Leder von der Urzeit des Menschen bis heute. Bestände alternativer Materialien werden in den letzten Jahren gezielt um vegane und recycelbare Stoffe erweitert.

Mit der Ausstellung tierisch schön? rückt das DLM die ambivalente Ästhetik der Exponate in den Fokus und nimmt seine eigene Sammlung kritisch in den Blick: Welche tierischen Rohstoffe wurden und werden von Menschen genutzt und wozu? Welche Rolle spielen die Einteilung von Tierarten in Nutz- und Haustier oder die den Tieren zugeschriebenen kulturellen Bedeutungen? Wie kommt es zum Wandel von Moden? Was bedeuten Artenschutz und Veganismus? Auch die Nachhaltigkeit des Materials Leder wird dabei nicht außer Acht gelassen.

Ausgehend von dem umgestalteten Studioraum führt ein Parcours durch die Ausstellungsräume des DLM und lädt die Besucher*innen ein, die Objekte unter der Perspektive der behandelten Fragestellungen neu zu betrachten. Dabei geht es weniger um die Beantwortung tierethischer Fragen, als darum Anregungen und Denkanstöße zu bieten.

Über 50 Exponate erzählen vom Umgang mit Tieren, ihrer Nutzbarmachung und Aneignung durch den Menschen und lassen auch den gesellschaftlichen Wandel ablesbar werden. Tierische, zu Kleidung verarbeitete Materialien dienen nicht nur als Schutz vor Kälte und Nässe, sondern auch als Schmuck. So verdeutlicht ein Mantel aus Pythonhaut oder eine Handtasche aus Leguanleder mit aufgesetzter präparierter Echse den Wunsch, Extravaganz zum Ausdruck zu bringen. Seit einigen Jahren sind Animal Prints omnipräsent; Kunstdrucke werden auf Textilien, zuweilen auch auf Tierfell aufgebracht wie zum Beispiel bei den ausgestellten Pumps von Walter Steiger.

Neben den Aspekten des Schutzes und der Zierde werden Felle und Federn auch aufgrund ihrer symbolisch-kulturellen Bedeutung verwendet. So berichten etwa eine Helmmütze aus der Demokratischen Republik Kongo oder ein Schild aus Nordamerika von der Vorstellung, dass sich die Stärke eines Tieres durch die Übernahme von Löwenmähne oder Adlerfedern auf den Menschen übertragen lässt. Die Macht über das erlegte Beutetier wird über den Akt des Tötens hinaus im Sammeln und zur Schau stellen der (Großwild-)Jagdtrophäen demonstriert.

Heutzutage bevölkern Tiere mehr denn je die Wohnungen; in Kinderzimmern sind sie allgegenwärtig, aber auch im Möbeldesign, wie die Designklassiker von Omersa – gezeigt wird ein Hocker in Form eines Elefanten – bezeugen. Aber nicht nur im Wohnraum, auch in Literatur und Film treten niedliche und vermenschlichte Tiere als Hauptakteure auf. So etwa die tierischen Charaktere der „Museumsratten“, einer Fernsehserie der Augsburger Puppenkiste (1967), von der eine Folge im DLM spielt.

Bereichert wird die Sammlungsshow um ausgewählte, zeitgenössische künstlerische Positionen, die mit den Exponaten in Dialog treten. Die Skulptur St. Bernetto von Marcel Walldorf etwa kommentiert gleich auf mehreren Ebenen das zwiespältige Mensch-Tier- Verhältnis sowie die Vorstellung des perfekten Haustiers. Die für ihre spielerischen Entwürfe bekannten Campana Brüder sind mit einem ihrer humorvollsten und surrealsten Designs, dem aus Dutzenden von Kuscheltieren gefertigten Cake Stool, vertreten.

Ebenso werden Arbeiten von Heidi Harty, Christian Jankowski und Eva Ruhland zu sehen sein.

Die Ausstellung tierisch schön? ist Teil des Kooperationsprojektes Artentreffen entlang der S-Bahnlinie 8 mit der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim und dem Nassauischen Kunstverein Wiesbaden. Die drei Kulturinstitutionen beleuchten mit zeitgleichen Ausstellungen die verschiedenen Facetten der Beziehungen zwischen Mensch und Tier.

Artentreffen wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 17:00 Uhr
ab Oktober jeden zweiten Donnerstag im Monat bis 20:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: ledermuseum.de

Schild, vermutlich Hirschleder, Adlerfedern, Oklahoma, um 1840 © DLM, C. Perl-Appl
03.10.2020 - 30.05.2021

tierisch schön?

Deutsches Ledermuseum

Frankfurter Straße 86
63067 Offenbach am Main