Das Georg Kolbe Museum widmet seine Hauptausstellung der diesjährigen Herbstsaison dem herausragenden Bauwerk, welches das Ausstellungshaus seit seiner Gründung vor genau 70 Jahren beheimatet: dem ehemaligen Wohn- und Atelierhaus des Bildhauers Georg Kolbe. Für den einstigen Besitzer und Bauherrn, der als Künstler eine enge Beziehung zur sachlichen Architektur und ihren Protagonisten der 1920er-Jahre pflegte, stand das Gebäude stets in direktem Bezug zu seinem bildhauerischen Schaffen. Anhand bislang ungesehenen Archivmaterials spürt die Ausstellung dem Zusammenspiel von Raum und Skulptur nach, welches Kolbe zeitlebens so wichtig war. Dabei gewährt sie Einblick in das Lebensumfeld des Künstlers, der seinen ikonischen Schaffens- und Rückzugsort in der Sensburger Allee seit den frühsten Entwurfsskizzen aktiv mitgestaltet hat.

In den späten 1920er-Jahren, der Bauzeit seines großzügigen Atelierhauses im Berliner Westend, befand sich der Bildhauer GEORG KOLBE (1877-1947) auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Erfolgs. Vertreten von den großen Galerien CASSIRER und FLECHTHEIM hatte er Käufer*innen auf der ganzen Welt und war in Berliner Künstlerkreisen bestens vernetzt. Nach dem frühen und unerwarteten Tod seiner Frau BENJAMINE sehnte er sich jedoch nach einem Rückzugs- und Schaffensort unweit ihres Grabes. So entstand die Sensburg, wie Kolbe selbst das kubische Backsteinensemble in der Sensburger Allee liebevoll nannte. Stadtnah und zugleich am Rande des Grunewalds gelegen, sollte die Architektur das fruchtbare Wechselspiel von Kunst, Natur und baulicher Form widerspiegeln, auf das der Künstler immer wieder gerne verwies.

Mit der sachlichen Baukunst seiner Zeit verband Georg Kolbe eine enge Beziehung. Im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit Architekten wie LUDWIG MIES VAN DER ROHE, BRUNO TAUT, HANS POELZIG und WALTER GROPIUS hatte der Bildhauer bereits früh aktiv Anteil am Diskurs um die Weiterentwicklung des Neuen Bauens genommen. Für die Realisierung seines eigenen maßgeschneiderten Wohnateliers verpflichtete er den Schweizer Architekten ERNST RENTSCH, später den Bauhausschüler PAUL LINDER, und arbeitete in der Entwurfsphase aufs Engste mit beiden zusammen. Die gemeinschaftliche Gestaltungsarbeit profitierte sichtlich von Kolbes intensiver Auseinandersetzung mit der Beziehung von Skulptur und Raum.

Angebunden an den öffentlichen Nahverkehr, mit vollständiger Elektrifizierung, Telefonanschluss sowie voll ausgestatteten Bädern, entsprach der Backsteinbau im Westend Berlins den Ideen des modernen Wohnens und verkörperte dessen Definition eines neuen, schnörkellosen Lebenskomforts. Als Atelier erfüllte er zugleich alle Voraussetzungen, um exakt jene Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Kolbe als Künstler suchte. Insbesondere die Blick- und Lichtführung wurde mit hoher Präzision angelegt, die luzide Verbindung von Innen- und Außenraum virtuos umgesetzt.

Mit seinen deckenhohen Fenstern öffnet sich der große Atelierraum zum Garten; ein komplexes Oberlicht führt neutrales Tageslicht zu; hohe Fensterbänder lenken gerahmte Blicke in die umgebende grüne Natur. Der 1935 angelegte, innenliegende Skulpturenhof weist Blickachsen auf, die dem Bildhauer erlaubten, die Wirkung seiner Arbeiten an öffentlichen Plätzen und Parkanlagen zu simulieren, für den er sie häufig schuf. Durch die Ziegelmauer, welche das gesamte Gelände umgibt, erlangt die Sensburg – kontrastierend zu ihrer lichten Atmosphäre – einen beinahe festungshaften Charakter. Als abgeschirmtes Refugium schützte sie den Künstler nicht zuletzt vor neugierigen Blicken und begünstigte seine Arbeit mit Modellen im Freien.

Vor genau 70 Jahren wurde Kolbes Künstleratelier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – als erstes nach dem Krieg neugegründetes Museum und einziges Berliner Künstlerhaus aus den 1920er-Jahren, dessen ursprüngliche Funktion sicht- und fühlbar geblieben ist. Bis heute strahlt der kubische Backsteinbau samt Skulpturengarten den modernen Geist seiner Entstehungszeit aus.

Die Ausstellung „Moderne und Refugium“ portraitiert Kolbes Sensburg im Spiegel ihrer reichen Geschichte. Von ersten Entwurfszeichnungen über die Bauphase bis hin zur privaten und schließlich öffentlichen Nutzung versammelt sie eine Vielzahl mitunter ungesehener Zeitdokumente, die den Künstler als einflussreichen und kreativen Bauherrn und zugleich in seinem privatesten Nukleus zeigen. Umgeben von Familie, Freundinnen und Freunden, sowie seinen Hunden und Katzen wird Kolbe als Mensch mit Facetten sichtbar, die bislang unter der öffentlichen Rolle und ihren Zuschreibungen verborgen blieben. Ein wesentlicher Teil der gezeigten Materialien entstammt dem Nachlass seiner Enkelin, der erst in diesem Jahr nach Berlin kam und aktuell im Museum erschlossen wird.

Eine ausführliche, reich bebilderte Publikation zur Ausstellung erscheint im November 2020. Auf Anfrage können darin enthaltene Texte vorab für redaktionelle Zwecke zur Verfügung gestellt werden.

Zeitgleich zur Ausstellung „Moderne und Refugium – Georg Kolbes Sensburg als Architekturdenkmal der 1920er-Jahre“ zeigt das Museum Keramiken des japanischen Künstlers SHINICHI SAWADA.

Georg Kolbe mit seiner Enkelin Maria von Tiesenhausen, um 1932, Bildarchiv Georg Kolbe Museum
13.09.2020 - 10.01.2021

Moderne und Refugium – Georg Kolbes Sensburg als Architekturdenkmal der 1920er-Jahre

Georg Kolbe Museum

Sensburger Allee 25
14055 Berlin