Bruce Nauman denkt in Modellen – in der Möglichkeitsform –, und deshalb nimmt die Zeichnung in seinem Werk und in dieser Ausstellung eine zentrale Funktion ein. Zeichnungen veranschaulichen das Wesentliche, sie verweisen auf Denkbares. Zeichnung wie Modelle sind stilistisch ungebunden und eröffnen Räume für die Vorstellung.

Ende der 1970er Jahre entwarf Nauman Modelle für unterirdische Räume. Circle ist das erste Modell; der Tunnelbau hätte einen Durchmesser von bis zu 200 Metern. Da die Realisierung außer Frage stand, sollte das Modell dazu anregen, sich den Raum zu denken. Es zeigt die äußere Form; wie würde der Raum sich von innen darstellen, und wie würde man sich darin verhalten? Zum Kreis kamen ein Dreieck und ein Quadrat; erstmals sind die drei geometrischen Arbeiten hier zusammen ausgestellt. Das vierte Modell, Equilateral Triangle, besteht aus drei sternförmig angeordneten Achsen, deren Kreuzungspunkt sie in verschieden lange Stücke teilt. Nauman beschäftigte die unterschiedliche psychologische Wirkung der Formen; das Dreieck schafft einen unbehaglichen Raum, während Kreis und Quadrat Sicherheit suggerieren.

Die Modelle sind in Eisen gegossen und wirken wie definitive Skulpturen. Doch Nauman sucht nicht die Stabilität sondern das Potential des Modells; er interessiert sich für die Zweideutigkeit der Erscheinung, für den Zwischenraum, der sich zwischen Realität und Vorstellung auftut.
Darum geht es auch in den Arbeiten mit Händen, die in der Ausstellung das intime Gegenstück zu den großen Modellen bilden. Hände sind nicht ausführendes Instrument allein, sie sind zugleich Gegenstand der Handlung – im Klavierstück, das aus Fingerübungen hervorgeht, oder in den Handpaaren, die in Verschränkungen gezeigt werden. Auch diese Werke sind Modelle für die Entzweiung des Selbstverständlichen.

Bruce Nauman wurde 1941 in Fort Wayne, Indiana, geboren. 1960–1964 studierte er an der University of Wisconsin in Madison verschiedene Wissenschaften, 1966 schloss er an der University of California in Davis in Kunst ab.
Naumans erste Einzelausstellung fand 1966 in der Nicholas Wilder Gallery in Los Angeles. 1968 begann er die Zusammenarbeit mit der Castelli Gallery (seit 1976 auch Sperone Westwater) in New York und Konrad Fischer in Düsseldorf.

Die erste Wanderausstellung reiste 1972 vom Los Angeles County Museum of Art und dem Whitney Museum nach Houston, San Francisco, Bern, Düsseldorf, Eindhoven und Mailand; Übersichtsausstellungen zeigten 1981 das Rijksmuseum Kröller-Müller, Otterlo, und die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 1982 die Kunsthalle Basel (danach im Musée d’art moderne de la ville de Paris, Whitechapel Art Gallery, London), 1993 das Museo nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid (danach Walker Art Center, Minneapolis, LA MoCA, Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington, D.C., Museum of Modern Art, New York, Kunsthaus Zürich), 2018 das Schaulager, Basel, und das Museum of Modern Art, New York. 1982 zeigte das Baltimore Museum of Art die Neon-Arbeiten, 1986 das Kunstmuseum Basel die Zeichnungen, 1989 folgte in den USA eine Ausstellung der Druckgraphik. 2009 vertrat Nauman die USA an der 53. Biennale di Venezia.

Nauman nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, so 1966 an Eccentric Abstraction in der Fischbach Gallery, New York, 1969 an Anti-Illusion: Procedures/Materials im Whitney Museum, New York, und When Attitudes Become Form in der Kunsthalle Bern, 1971 an Sonsbeek 71 in Arnhem, 1987 an Skulptur Projekte in Münster, 1968, 1972, 1977, 1982 und 1992 an der Documenta in Kassel. 2003 erschienen Naumans Texte und Interviews in der MIT Press.
Seit 1989 lebt Nauman in Galisteo, New Mexico.


Öffnungszeiten:
Freitag - Sonntag: 11:00 - 17:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: thomas-schuette-stiftung.de