Mit „Brigitte Waldach: Schimmer und Glanz“ ehrt Marta Herford die diesjährige Marta-Preisträgerin der Wemhöner Stiftung mit einer Einzelschau. Die Werke der Berliner Künstlerin Brigitte Waldach (*1966) eröffnen neue Gedankenwelten, in denen Texte und Klänge eine bedeutende Rolle spielen. Neben der Präsentation von großformatigen Zeichnungen werden eigens für die Ausstellung Johann Sebastian Bachs berühmte Goldberg-Variationen zu neuem Leben erweckt: In einem scheinbar unendlichen Spiegelraum aus roten Fäden erleben die Besucher*innen die musikalischen Strukturen als begehbare Komposition aus Raum, Sound und Licht.

„Brigitte Waldachs Ansatz, Zeichnung als eine Art Bild gewordene Gedankenspur aufzufassen, erweitert dieses Genre auf sehr bewegende Weise – vom großformatigen Papierbogen über Klanginstallationen bis hin zu eindrücklichen Raumverspannungen. All diese Linien bleiben im wörtlichen wie übertragenen Sinne lesbar, sind Schlüssel zum tieferen Verständnis der Welt.“ (Roland Nachtigäller)

In Raumverspannungen, großformatigen Zeichnungen und Klang-Installationen ergründet Brigitte Waldach Themen der Kultur- und Zeitgeschichte und setzt sie in geistesgeschichtliche und literarische Zusammenhänge. Marta Herford zeigt die erste deutsche Übersichtsausstellung der ehemaligen Meisterschülerin von Georg Baselitz seit zehn Jahren und präsentiert die drei großen Werkgruppen „History Now“ (2016), die neue Zeichnungsserie „Schweigen“ (2020), deren zentrales Werk „Schweigen I“ in die Sammlung Marta übergeht, sowie die „Goldberg-Variationen“ (2019). Für die auf dieser Komposition aufbauenden Installation „Schimmer und Glanz“ (2020) formt Waldach die musikalischen Strukturen Bachs zu einer spektakulären Raumzeichnung, die mit unserer Wahrnehmung spielt.

Ausgangspunkt für die Zeichnungsserie „History Now“ (2016) ist die digitale Enzyklopädie Wikipedia. Als umfassende und frei zugängliche Informationsquelle verfolgt sie das Prinzip einer kollektiven Geschichtsschreibung, denn die eingespeisten Informationen können von allen Nutzenden ergänzt und verändert werden. Ableitend von der Frage, welche historischen Persönlichkeiten innerhalb dieser Plattform am häufigsten überschrieben wurden, lässt die Künstlerin Hannah Arendt, Jesus, die RAF, Franz Kafka und Adolf Hitler zeichnerisch aus Wortwolken hervortreten. Äußerungen der Protagonist*innen und wechselnde Lexikon-Einträge verbinden sich mit Waldachs eigenen Gedanken zu einer „Geschichte“, die wir immer neu sehen und verstehen können.

Die Bildserie „Schweigen“ (2020) ist anlässlich des Marta-Preises 2020 neu entstanden und verwandelt das Seitenkabinett der Lippold-Galerie in einen fast sakralen Raum: Aus dem geheimnisvollen schwarzen Grafitschimmer treten leuchtend hell drei gotische Kirchenfenster hervor. Bei genauem Hinsehen wird aber deutlich, dass das traditionelle Bildprogramm gestört und erweitert wurde. Neben christlichen Kreuzsymbolen sind auch der Davidstern, das Anarchie-Zeichen oder ein Heptagramm, das mit seinen sieben Spitzen auf die Stufen der Erleuchtung im Buddhismus verweist, erkennbar. Die Stadt Herford mit ihrer reichen mittelalterlichen Kirchentradition inspirierte die Künstlerin zu dieser Serie. Das zentrale Werk, das Eckdiptychon „Schweigen I“ (2020), wird nach Ausstellungsende in die Sammlung Marta übergehen.

Aus Waldachs groß angelegten Zeichnungszyklus „Die Goldberg-Variationen“ (2019) ist neben der „Aria (Anfang)“ und „Aria (Ende)“ (jeweils 2019) exemplarisch das letzte Triptychon „Stargate“ (2019) zu sehen. Ein kosmisches Wurmloch zieht uns sogartig ins Bildgeschehen und verweist auf die Aufhebung von Zeit und Raum sowie auf zukünftige Welten. Bachs musikalischer Ausgangspunkt der Goldberg-Variationen ist die Aria, die 30 Mal in einem wiederkehrenden Dreierrhythmus variiert wird. Aufbauend auf diesem scheinbar strengen Kompositionsprinzip entwickelte Waldach ein eigenes visuelles Bezugssystem.

Durch einen silbern-glänzenden Vorhang gelangt man in die Installation „Schimmer und Glanz“ (2020), die den Zeichnungszyklus der Goldberg-Variationen begehbar macht. Zwischen einem roten Raum als Sinnbild für unsere Geschichte und einem silbernen, der in die Zukunft weist, entfaltet sich eine komplexe Landschaft aus Fäden, Symbolen, Ketten und Spiegelungen. Der Ursprung bleibt aber die Aria, deren zentrale Noten aus dem roten Raum heraus verspannt sind und den Ausstellungsraum neu definieren. An jeder Wand wechseln die Bänder ihre Richtung und scheinen schließlich die Spiegelwände zu durchdringen, um sich unendlich auszudehnen. Beim Durchschreiten dieses Raumsystems eröffnen sich immer wieder neue Perspektiven, Ordnungen und Unordnungen. Dabei erklingt die ursprüngliche Fassung der Aria aus dem roten Raum sowie Variationen aus dem silbernen Raum. Vergangenheit und Zukunft greifen hier auch akustisch ineinander.

Der Marta-Preis der Wemhöner Stiftung
Der Marta-Preis der Wemhöner Stiftung sieht in zweijährigem Rhythmus die Beauftragung eines hochrangigen künstlerischen Werks für die Sammlung Marta vor. Dieses soll mit Blick auf den Sammlungs- und Ausstellungsschwerpunkt des Museums – die lebendige Auseinandersetzung internationaler Gegenwartskunst mit Berührungspunkten zu Design und Architektur – vor Ort entwickelt werden. Mit insgesamt 25.000 € sowie einer ehrenden Einzelpräsentation im Museum Marta Herford mit begleitendem Katalog zählt er zu den wenigen hochdotierten Preisen für zeitgenössische Kunst in Deutschland.

Die Preisträgerin Brigitte Waldach
1966 geboren in Berlin, lebt und arbeitet in Berlin
2000: Abschluss des Studiums der Freien Kunst an der Hochschule der Künste Berlin als Meisterschülerin von Georg Baselitz nach einem Studium der Kunstpädagogik, Kunstwissenschaften und Germanistik. Wichtige Einzelausstellungen hatte sie unter anderem im Felix Nussbaum Haus, Osnabrück („Existenz“, 2018), in der Kunsthallen Brandts, Odensen/DK („Ideology“, 2016), im Stavanger Kunstmuseum, Norwegen („Fall“, 2011) und in der Kunsthalle Emden („Zeichnungen und Installationen“, 2010).

Darüber hinaus war sie an einer großen Zahl von Gruppenausstellungen im In- und Ausland beteiligt, unter anderem im brasilianischen Oscar Niemeyer Museum zur Curitiba Biennale 2019, im Deutschen Bundestag (2019), in der Neuen Sächsischen Galerie, Chemnitz (2017), in der PIN Ausstellung der Pinakothek der Moderne, München (2015), in der Altana Kulturstiftung, Bad Homburg (2014), im Museum Kunstpalast, Düsseldorf (2013), Museum Ludwig Koblenz (2010) und im Museo Nacional Bellas Artes, Santiago de Chile (2009). 2013 war sie zudem in der Marta-Ausstellung „Farbe bekennen – Was Kunst macht“ mit der multimedialen Installation „Gewalt“ präsent.

Ihre Arbeiten befinden sich in vielen privaten und öffentlichen Sammlungen, wie der Albertina (Wien), dem Kupferstichkabinett Berlin, der Berlinischen Galerie (Berlin), der Kunsthalle Emden, dem Museum Kunstpalast Düsseldorf, dem Kunstmuseum Stavanger und dem ARoS Kunstmuseum (Aarhus).


Öffnungszeiten:
Dienstag - Donnerstag : 14:00 - 180:00 Uhr 
Freitag: 11:00 - 20:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: marta-herford.de