Was hat es mit der künstlerischen Gestaltung von Wänden auf sich? Warum sind Fassaden und Wände für zahlreiche Künstler_innen so faszinierend? Diesen Fragen geht das vom Kunstmuseum Stuttgart initiierte Ausstellungsprojekt WÄNDE I WALLS an drei zentralen Orten in Stuttgart nach: im Kunstmuseum Stuttgart, im StadtPalais – Museum für Stuttgart und in der Bahnhofshalle des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Die Ausstellungen in den beiden Stuttgarter Museen eröffnen am Samstag, 26. September 2020. Das Projekt startet aber bereits jetzt mit einer spektakulären Aktion im Bonatzbau, dem Empfangsgebäude des Stuttgarter Hauptbahnhofs, welches die Deutsche Bahn der Stuttgarter Graffitiszene zur Verfügung stellt.

Mehr als 70 Künstler_innen aus der Stuttgarter Sprayerszene verwandeln den Bonatzbau in eine riesige temporäre Graffitigalerie, die »Secret Walls Gallery«. Die Sprayer_innen arbeiten im August vor Ort und geben Einblicke in ihr kreatives Tun. Neben der stilistischen Vielfalt des Graffiti wird sich in den Werken die historische Entwicklung des Stuttgarter Graffiti abbilden. Durch diese außergewöhnliche Zusammenarbeit des Kunstmuseums Stuttgart und der Deutschen Bahn wird der Bonatzbau vor seiner umfassenden Sanierung zu einer lebendigen, künstlerischen Produktionsstätte. Die Arbeiten bleiben bis Ende Herbst der Öffentlichkeit zugänglich.

Den ausgewählten Künstler_innen, die teilweise alleine, teilweise in Crews arbeiten, stehen über 50 unterschiedliche Flächen im Bonatzbau zur Verfügung. Es wird sowohl auf Wandflächen gearbeitet als auch auf Leinwänden, die in die bestehende Architektur eingefügt werden, etwa dort, wo ehemals großformatige Werbeanzeigen prangten. So entsteht für die über 300.000 täglichen Passant_innen eine völlig neue Atmosphäre in der Bahnhofshalle.

In dieser großangelegten Aktion tritt ein grundlegender Impuls des Graffiti zum Vorschein: Der öffentliche Raum wird als Gemeingut verstanden, das Platz für vielfältige Gestaltungsformen bietet und darüber alternative Perspektiven auf den Lebensraum ermöglicht. Häufig an der Grenze zu Illegalität und Vandalismus hat sich Graffiti als Kunstform etabliert, die mittlerweile Toleranz und Zustimmung erfährt. Graffiti ist aus dem öffentlichen Raum, gerade auch durch die zunehmend legalen Wirkungsstätten, nicht mehr weg zu denken.

Graffiti im Sinne des modernen »Writings« entstand Mitte der 1960er-Jahre in Philadelphia. Von dort breitete es sich ins nahe gelegene New York aus und wurde im Rahmen der Hip Hop-Kultur zu einer progressiven Jugendbewegung. Als Subkultur schwappte Graffiti in den 1980er- Jahren nach Europa über: Amsterdam, Paris und München waren zunächst die Großstädte mit den spürbarsten Einflüssen aus der US-Metropole. Über München gelangte die Graffitikultur auch nach Stuttgart.

Einen umfassenden Überblick zur Graffiti-Geschichte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte im Stuttgarter Kessel gibt ab Ende September die Ausstellung »Graffiti im Kessel« im Stadt- Palais – Museum für Stuttgart (26.09.2020 – 31.1.2021). Ausgangspunkt der Ausstellung sind Bild- und Archivmaterialien, die Orte wie die »Gaskammer / Hall of Fame Schloßplatz« oder die »Hauptbahnhofeinfahrt« sowie andere geschichtsträchtige Stuttgarter Wände dokumentieren.

Die Ausstellung WÄNDE I WALLS im Kunstmuseum Stuttgart (26.09.2020 – 31.1.2021) nimmt die künstlerische Beschäftigung mit der Wand seit Mitte der 1960er-Jahre bis heute in den Blick. Die versammelten Werke machen vor allem eines deutlich: Wir sind ständig von Wänden umgeben, und dennoch nehmen wir sie nur selten in ihren weitreichenden Zusammenhängen wahr. Wände lassen uns geborgen, eingeengt oder ausgegrenzt fühlen – sie sind widersprüchliche Grenzen. Die 30 internationalen Leihgaben u.a. von Monica Bonvicini, Maurizio Cattelan, Sol LeWitt, Bruce Nauman, Yoko Ono, Charlotte Posenenske und Lawrence Weiner gehen über die Medien Wandmalerei und -zeichnung hinaus und umfassen performative, skulpturale und installative Ansätze.