Was nehmen wir heute als Natur wahr? Hat sich der Blick auf sie durch die mediale und reale Konfrontation mit Naturkatastrophen verändert? Erlauben wir uns noch ein romantisches Bild der Natur?
Gegen Naturgewalten mussten Menschen schon immer kämpfen, nehmen sie aber überhand oder gehen in Katastrophen über, beeinflusst das reale Geschehen unsere Vorstellung von Natur und spiegelt sich in bildlichen Darstellungen unserer visuellen Kulturen.

Julius von Bismarck spürt den Fragen einer zeitgenössischen Auffassung von Natur entlang der jüngsten Klimaveränderungen nach. In seinen Performances, Installationen, Skulpturen, Videos und Fotografien changiert er experimentell zwischen naturwissenschaftlichen und künstlerischen Perspektiven und schafft so ästhetische Bildgewalten. „Ich ziehe meine Inspiration aus der Wissenschaft und arbeite künstlerisch“, sagt von Bismarck über seine Werkstrategie. Immer auf der Suche nach alternativen Formen der Wahrnehmung, übersetzt er Natur und Technologie in unverbrauchte, so noch nie gesehene Bilder.

2015 rotiert von Bismarck in einer Ausstellung auf einer schnell drehenden Schüssel, seinem Egocentric System, und konfrontiert sich so eine Woche lang mit den Fliehkräften. Für seine Arbeit Punishment peitscht der 36-jährige Künstler in Rio de Janeiro das Meer aus oder in den Schweizer Alpen die Berge und ironisiert damit die menschliche Ambivalenz zwischen Größenwahn und Kleinlichkeit. In Venezuela löst er mittels Raketen Blitze aus, formt diese und manipuliert durch seinen Eingriff die Naturgewalt. Der Künstler liefert sich selbst den oft als Folgen der Klimaveränderung verstandenen Wetterextremen aus: den WirbelstürmenIrma in Florida oder Ophelia in Irland. Dabei entstehen Zeitlupen-Videoarbeiten: Die Kamera, die Sekunden zu Minuten dehnt und so Wind und Hochwasser nicht als apokalyptische Szenerie, sondern als Augenblicke großer Ruhe und Poesie zeichnet. „Plötzlich schaut man in die Ästhetik dieses Sturms ... und man sieht, wie Pflanzen vom Sturm gestreichelt werden. Es entsteht etwas ganz Zartes, etwas sehr Schönes – ein Tanz der Bäume mit dem Wind“, so von Bismarck.

Seine visuelle Verarbeitung des Naturgeschehens scheint vermitteln zu wollen: So verheerend und gewaltig die Naturkräfte auch zu sein scheinen, ist doch eine grenzenlose Schönheit in der Katastrophe verborgen, die es darzustellen gilt. Dieser Gegensatz wird in der Ausstellung Feuer mit Feuer, die auf von Bismarcks Expeditionen zu verschiedenen Waldbrandgebieten basiert, besonders deutlich. Die zentrale Arbeit im Ausstellungsraum bildet ein großer LED-Bildschirm, auf dem ein Video gezeigt wird, das verlangsamte Aufnahmen von Waldbränden vertikal symmetrisch zeigt. Diese Spiegelung verweist explizit auf die Ästhetik der sogenannten „Tintenklecks-Bilder“, die der Schweizer Psychoanalytiker Herman Rorschach für seinen Test „der psychologischen Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie“ entwickelt hat. 

Der französische Philosoph Gaston Bachelard spricht dem Feuer eine so hypnotische Wirkung zu, dass er zu dem Schluss kommt, dass „nirgends so geträumt wird, wie vor der Flamme einer Kerze“. Sie zieht uns in ihren Bann, und weder können wir unseren Blick vom Zündeln eines Lagerfeuers noch vom Toben eines Waldbrands wenden. Folgen wir Bachelard und Rorschach, entsteht durch diese „Psychoanalyse mit dem Feuer“ ein Raum für Reflexion. Mit der mit den Waldbränden einhergehenden Öffentlichkeit, dem kollektiven Starren ins Feuer, entsteht hier ein vielschichtiges Psychogramm unserer heutigen Gesellschaft. Bei der Betrachtung ergeben sich Momente der Irritation, da die durch die vertikale Spiegelung des Bildes entstandenen Illusionen stark von der gefilmten brutalen Realität abweichen.

Zu diesem – durch moderne Medientechnik – erzeugten Lagerfeuer der Jetztzeit führt ein Wandelgang aus acht Skulpturen. „Ewige Feuer“ in Monumenten, Mahnmälern, Ehrendenkmälern – gebaute Orte der kollektiven Erinnerung weltweit sind die Vorbilder für diese Skulpturen. Die Originale aus Bronze oder Stein sind hier in gebrannter Keramik dupliziert, das lodernde Feuer wird zu flackernden LEDs.

Die Erzeugung von Feuer zählt zu den großen Kulturtechniken, seine Nutzung und Beherrschung war ein zentraler Faktor für alle Zivilisationen. Als alles bringende, alles zerstörende Kraft dominiert das Feuer wie kein anderes Element die profanen wie auch intellektuellen Gedankenwelten der Menschen – die Narrative um das Fegefeuer, den Scheiterhaufen, das Osterfeuer, das Biikebrennen, die liturgische Formel „Asche zu Asche“ oder der Mythos des Prometheus, der den Göttern das Feuer raubt, um es den Menschen zu bringen, sind nur einige inhaltliche Variationen der Feuerdynamik.

All diese Gedanken führen zurück zum Ausstellungstitel Feuer mit Feuer, den Julius von Bismarck als Bild benutzt, um auf die Mehrdeutigkeit, Spiegelung und Wechselwirkungen des Elements hinzuweisen – auf die reinigende neben der zerstörerischen, die zivilisatorische wie auch barbarische Kraft.


Biografie
Julius von Bismarck wurde 1983 in Breisach am Rhein (Deutschland) geboren, wuchs in Riad (Saudi-Arabien) und Berlin auf. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Nach Studien der Informatik, der Visuellen Kommunikation und der Bildenden Kunst in Berlin und New York absolvierte von Bismarck ein Studium an dem von Ólafur Elíasson gegründeten Institut für Raumexperimente an der Universität der Künste, Berlin. Dort schloss er sein Studium 2013 als Meisterschüler ab.

In der Verknüpfung von bildender Kunst mit anderen Gebieten der Forschung und des Experimentierens, wie den Natur- und Geisteswissenschaften, können die Ergebnisse der künstlerischen Praxis Julius von Bismarcks diverse Formen annehmen – von Installationen zu Happenings, von Skulpturen zu Land Art. Seine Werke eint die tief gehende Erforschung von Phänomenen der Wahrnehmung und der Darstellung und Konstruktion von Realität.

Der Künstler entwickelte bereits zahlreiche Einzelausstellungen, wie beispielsweise im Palais de Tokyo in Paris (2019), dem Kunstpalais Erlangen (2018), der Städtischen Galerie der Stadt Wolfsburg (2017) und der Galerie Marlborough Contemporary in New York (2017).

Von Bismarck nahm an diversen internationalen Gruppenausstellungen teil, unter anderem an der 7th Thessaloniki Biennale (2019), Entfesselte Natur – Das Bild der Katastrophe seit 1600 in der Hamburger Kunsthalle (2018), Power to the People in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main (2018), der 1st Antarctic Biennale (2017), dem Festival of Future Nows im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin (2017), +ultra. Gestaltung schafft wissen im Martin-Gropius-Bau, Berlin (2016), 8th Momentum Nordic Biennial of Contemporary Art in Norwegen (2015) und der 13th International Architecture Exhibition, Biennale in Venedig (2012).

2008 wurde er mit dem Ars Electronica Award für sein Projekt Image Fulgerator ausgezeichnet, 2012 war er der erste Artist in Residency am CERN, der Europäischen Organisation für Nuklearforschung, Genf.