Mit »wir blumen« präsentiert der Kunstverein Hannover ausgewählte Werke der Sammlung von Gaby und Wilhelm Schürmann. Die von Wilhelm Schürmann im Austausch mit Kathleen Rahn speziell für die großzügigen Räume des Kunstvereins Hannover gestaltete Ausstellung wurde unter dem besonderen Aspekt der »Leichtigkeit des Fragilen« entwickelt. Mit über 60 Werken von 20 Künstler*innen verschiedener Generationen und Medien wird der Fokus auf das Sehen von Kunst in all ihrer Zerbrechlichkeit gerichtet – sowohl im Hinblick auf den Seinszustand von Kunst an sich als auch auf die Frage nach Form und Inhalt.

Die Sammlung von Gaby und Wilhelm Schürmann gilt als eine der innovativsten ihrer Art. Die Arbeiten etablierter Künstler*innen sind ebenso Teil dieser wie die von jungen Künstler*innen, die allein aufgrund ihrer Qualität überzeugten. Dieser bemerkenswerte, sich an der Kunst statt am Markt orientierende Ansatz ließ eine einzigartige Sammlung entstehen, aus der heraus nun die Präsentation im Kunstverein Hannover konzipiert wurde. Die Ausstellung ist reich an freien Asso- ziationen und Querverbindungen – damit zeigt sie sich als repräsentativ für das Gesamtkonvolut der Schürmanns und bietet den Besucher*innen ständig neue Seherlebnisse.

»Ich kann doch nicht anders verfahren, als die Dinge gegenwartsrelevant wieder neu zueinander in Bezug zu setzen.«, so Wilhelm Schürmann 2001 im Gespräch mit Alexander Braun (Kunstfo- rum International, Bd. 158). Die in den musealen Räumen des Kunstvereins zu sehenden Arbeiten bilden eine Zeitspanne von über 50 Jahren ab, und keine von ihnen hat an Aktualität verloren.

Als prägende Akteur*innen der jüngeren Kunstgeschichte setzen Franz Erhard Walther (ausge- zeichnet als bester Künstler mit dem Goldenen Löwen der Venedig Biennale 2017) oder Miriam Cahn – die 2017 prominent auf der documenta 14 präsentiert wurde – essenzielle Akzente in der Ausstellung.

Der stilprägende Künstler Georg Herold, dessen Werke aus scharfsinnigen Beobachtungen ge- sellschaftlicher und künstlerischer Entwicklungen resultieren, befindet sich in räumlicher Nähe zu einer Arbeit von Monika Baer. Die Künstlerin wurde im vergangenen Jahr mit dem Hannah Höch Preis ausgezeichnet, der ein herausragendes Lebenswerk würdigt und als eine der bedeutendsten Auszeichnungen in der bildenden Kunst gilt. Drei Arbeiten des wiederentdeckten Altmeisters Wal- ter Swennen, die bewusst nicht in Reihe platziert sind, betonen die Beziehung zwischen Malerei, Bild und Abstraktion.

Nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell werden durch die Hängung, die über Raumgrenzen hin- weg an den Sichtachsen orientiert ist, Bezüge unter den Arbeiten hergestellt, die den Blick immer wieder neu lenken und so unerwartete Gedankenblitze auslösen. Geprägt vom individuellen Bild- gedächtnis eröffnen sich den Besucher*innen vielerlei neue Zusammenhänge.

Der thematische Schwerpunkt der Fragilität findet sich in jedem Werk auf eigene Art wieder. Sei es im Begriff des Zerbrechlichen, wie bei Hana Mileti?s Webarbeiten, deren Vorlagen sich aus zer- brochenen und anschließend geklebten Dingen speisen, oder im empfindlichen Material wie bei Ane Mette Hol. Ihre Papierarbeiten, vermeintliches Packpapier – also produziert, um Fragiles zu schützen – lassen bei näherer Betrachtung die feine Zeichnung auf Papier erkennen.

Im großen Oberlichtsaal des Kunstvereins Hannover empfängt die Besucher*innen eine viel- teilige Installation von Lone Haugaard Madsen. Im Angesicht der zarten Strukturen, fast flüchtig zu scheinbar wackeligen Konstruktionen aufgebaut, entdeckt man nach und nach die von der Künstlerin für diese Ausstellung neu inszenierten Arbeiten. Vorbei an der in der Mitte des Raumes errichteten Regalkonstruktion des international bekannten Heimo Zobernig wird der Blick schließ- lich auf die Arbeiten von Joëlle Tuerlinckx gelenkt, die sich über den Rest des Saales erstrecken. Geleitet von verschiedenen Kuben finden sich die Betrachter*innen einem übergroßen, aufgeris- senen Briefumschlag gegenüber, auf dem »Worl(d/k) in progress?« zu lesen ist. Die Welt im Fort- schritt? Die Arbeit im Prozess?

Die Ausstellung schließt mit dem titelgebenden Werk der Ausstellung »wir blumen, 13.10.2002« von Miriam Cahn, die 1988 eine Einzelausstellung im Kunstverein Hannover gestaltete. Subjektive Empfindung und Empfindlichkeit sind Ausgangspunkt für Miriam Cahns dynamische Malereien, die somit von einer weiteren Deutungsebene der Fragilität zeugen.

Die Sammlung Schürmann wurde in zahlreichen Museumsausstellungen – u. a. im Mumok in Wien (2018), Ludwig Forum für internationale Kunst in der Heimat der Schürmanns Aachen (2016), K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen oder in den Deichtorhallen in Hamburg (2011) – unter jeweils verschiedenen inhaltlichen Aspekten gezeigt. 2020 erhalten Gaby und Wilhelm Schürmann den »ART COLOGNE-Preis«, der von der Koelnmesse und vom BundesverbandDeutscher Galerien und Kunsthändler vergeben wird.