Sheela Gowda (*1957 in Bhadravati, Indien) lebt und arbeitet in Bengaluru. Das Lenbachhaus zeigt ihre erste museale Einzelausstellung in Deutschland. Für ihre raumfüllenden Installationen verwendet Gowda landesspezifische Materialien, die durch Beschaffenheit, Farbe oder Geruch eine narrative Atmosphäre erzeugen und zugleich metaphorische Kraft entfalten. Der künstlerische Einsatz von Kuhdung, Kumkum-Pulver, Kokosfasern, Haaren, Nadeln, Fäden, Steinen, Teerfässern oder Abdeckplanen verbindet Vorstellungen von Handwerk und von Alltagsgebrauch mit poetischer Aufladung und bezieht sich auf das städtische wie ländliche Leben in Indien.

Arbeitsbedingungen, Produktionskreisläufe, urbane Infrastruktur, traditionelles und modernes Leben sind Themen in Sheela Gowdas Kunst. Sie spürt die Materialien auf, die diese Themen repräsentieren, und setzt sie in Werke mit narrativem und assoziativem Bezug um. Dabei erzählen die Materialien und ihr gestalterischer Einsatz Geschichten, die mit kultisch-spirituellem Gebrauch einerseits und mit dem wirtschaftlich-funktionalen Nutzen ihrer Verwertung anderseits zusammenhängen. Fragen nach Arbeitsleistung sind den Werken ebenso eingeschrieben wie die Rituale des täglichen Lebens in vorindustriellen und heutigen Traditionen.

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren arbeitete Sheela Gowda mit Ölmalerei, die ihre späteren Themen bereits enthielt. Das Alltagsleben der indischen Mittelschicht, Konflikte von Frauen im Arbeits- wie privaten Leben sowie über die Medien vermittelte Bilder politischer und sozialer Spannungen waren früh Gegenstand ihres gesellschaftskritischen Denkens. Ab 1992 setzte sie Kuhdung als gestalterisches Mittel zunächst für Bilder, dann auch räumlich-installativ ein, bevor sie sich anschließend neuen Materialien zuwendete.

Kuhdung als künstlerisches Material geht für Sheela Gowda mit politischem Bewusstsein einher: Die im hinduistischen Indien als heilig verehrte Kuh wird von der derzeitigen Regierung als Mittel der Stimmungsmache instrumentalisiert, um einem Hindu-Nationalismus neue Nahrung zu geben, der in den frühen 1990er Jahren die politische Bühne betrat. Gowda verleiht dem allgegenwärtigen Dung von Kühen durch ihren künstlerischen Einsatz neue Brisanz.

Die Ausstellung zeigt mehrere Werkphasen: Am Beginn stehen die ersten Kuhdung-Gemälde von 1992. Sie werden hier erstmals in Europa gezeigt. Installationen aus Teerfässern, Gewürzmahlsteinen, Haar, Holz sowie Medienbilder führen Gowdas künstlerischen Weg fort. Ihre neueste, eigens für das Lenbachhaus geschaffene Arbeit aus Kuhdung bedeutet eine Wiederkehr von dessen Relevanz in der aktuellen innenpolitischen Konfliktsituation.

Sheela Gowda war vertreten bei den Biennalen in São Paulo 2014, Gwangju 2014, Kochi 2012, Venedig 2009, Sharjah 2009, Lyon 2007 sowie bei der documenta 12, 2007. Einzelausstellungen fanden u.a. statt: 2019 im BombasGens, Valencia, und im HangarBicocca, Mailand; 2017 in der Ikon Gallery, Birmingham; 2015 im Para Site, Hongkong; 2014 in der daad Galerie, Berlin, im IMMA, Dublin, und im Centre international d'Art et du Paysage, Vassivière; 2013 in der Lunds Konsthall, Lund, und im Van Abbemuseum, Eindhoven, und 2010 im Office for Contemporary Art, Oslo.