Arbeiterfotografie der 1920er Jahre von Kurt Pfannschmidt, Ernst Thormann und Richard Woike

Aufmerksam beobachtete Szenen, in Eile und meist heimlich fotografiert, technisch nicht immer makellos, jedoch inhaltlich hoch brisant – das sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Kurt Pfannschmidt (1900–1987), Ernst Thormann (1905–1984) und Richard Woike (1901–1976). Auf ausgiebigen Foto-Streifzügen dokumentierten die aus der Arbeiterschaft stammenden Amateurfotografen ihre prekäre Lebenswelt. Ihr Anliegen war es, die Arbeiterbewegung durch aussagekräftiges Bildmaterial für die Berichterstattung zu unterstützen. Begeistert von der Technik der Fotografie und dem gemeinsamen Kampf für die Rechte und die Sichtbarkeit der Benachteiligten investieren sie und eine Reihe weiterer Arbeiterfotografen in kostspielige Fotoausrüstung und begeben sich auf ausgiebige Foto-Streifzüge. Dabei entstehen einmalige historische Aufnahmen: Ernst Thormann zeigt die Straßen von Berlin-Neukölln und den jüdischen Alltag im historischen Scheunenviertel in Berlin-Mitte, Richard Woike fotografiert Bilder der Armut und Kurt Pfannschmidts Aufnahmen präsentieren sein Umfeld als Arbeitersportler und KPD-Mitglied in Leipzig. Damit sind sie drei von rund 3000 Mitgliedern der Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands (VdAFD), die sich von 1926 bis 1933 in etwa 130 Ortsgruppen organisieren.

Die Arbeiterfotografie dient dabei nicht ausschließlich der Bildberichterstattung der Arbeiterpresse, die Aufnahmen werden darüber hinaus bei Vorträgen, in Ausstellungen und Schaukästen sowie zur privaten Erinnerung genutzt. Aus heutiger Sicht werden durch die Arbeiterfotografie einerseits die turbulenten Zwischenkriegsjahre aus der Sicht der Arbeiter lebendig. Andererseits vermittelt sie die zunehmende Bedeutung der Fotografie im Alltag. Ab den 1920er Jahren gibt es nicht nur immer mehr illustrierte Zeitschriften, auch die Anwesenheit von Fotografen im öffentlichen wie privaten Raum wird zur Normalität und wirkt sich auf das Verhalten aus: Die Arbeiter posieren oder inszenieren sich selbst- und bildbewusst während sie scheinbar unbemerkt fotografiert werden. Durch das Aufblühen der Arbeiterfotografie wird auch das neue Medium Fotografie zum Ausdruck der Selbstbebilderung und des künstlerischen Selbstbewusstseins des Proletariats. Mit der zunehmenden Emanzipation der Arbeiterschaft stellt sich so auch die Frage nach der Herrschaft über das eigene Bild - denn wer könnte realistischer und damit wahrhaftiger das Leben der Arbeiterschaft darstellen als die Arbeiter selber.

In seiner Reihe der „Blackbox“-Ausstellungen präsentiert das Bröhan-Museum 80 Fotografien, historische Kameras und Fotozubehör aus dem Ernst-Thormann-Archiv. Der Dokumentarfilm „Arbeiterfotograf“ von Peter Badel (1979) sowie Ausschnitte aus „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ von Slatan Dudow (1930) runden das Thema mit bewegten Bildern ab.