Das Brücke-Museum öffnet sich für zeitgenössische künstlerische Positionen. Den Auftakt bildete 2018 Sol Calero mit ihrem Pavillon Casa Isadora. Jetzt präsentiert Vivian Suter ihre erste Einzelausstellung in Deutschland.

Ihre Leinwände hängen frei im Raum, überlappend an der Wand oder liegen ausgebreitet auf dem Boden. Sanft schwingen die vom Keilrahmen abgespannten Stoffe im Ausstellungsraum. Die Installation lädt die Besucher*innen ein, sich einen individuellen Weg zu suchen und die Werke räumlich zu erfahren. Es geht Suter um den Gesamteindruck, weniger um die einzelnen Bilder, die die Künstlerin nie mit Titel oder Datum auszeichnet.

Das Erkunden und die subjektive Erfahrung spielen für die argentinisch-schweizerische Malerin Vivian Suter eine besondere Rolle. Mit jeder Präsentation geht sie in den direkten Dialog mit der Umgebung. Keine Ausstellung gleicht der anderen. In dem freien Spiel der Installation werden die Arbeiten immer wieder neu miteinander kombiniert – manches tritt in den Hintergrund und vorher Verdecktes kommt ans Licht. Im Brücke-Museum sind Suters Werke durch rund 40 Gemälde und kunsthandwerklichen Arbeiten aus dem Sammlungsbestand ergänzt. So werden etwa selten gezeigte Gemälderückseiten von Ernst Ludwig Kirchner, ein Wandteppich von Erich Heckel, aber auch ein geschnitztes Schachspiel von Karl Schmidt-Rottluff gezeigt.

„Als ein Museum, das von Künstlern initiiert wurde, möchten wir auch künftig den Dialog mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern suchen. Ich freue mich, dass Vivian Suter meiner Einladung gefolgt ist und hier im Brücke-Museum ihre erste museale Schau in Deutschland ausrichtet. Durch das ‚all-over‘ der Installation ergeben sich überraschende Nachbarschaften und ganz neue Sichtachsen, die auch den Blick auf unsere Museumsräume erweitern und die Möglichkeit bieten, die Sammlung mit anderen Augen zu sehen“, hebt die Direktorin Lisa Marei Schmidt hervor.

Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit Suter und ihrer Mutter, der im Frühjahr 2020 verstorbenen Künstlerin Elisabeth Wild. Von ihr sind eine Reihe kleinformatiger Collagen zu sehen, die sie aus Zeitschriftausschnitten präzise komponierte. Wild traf darüber hinaus die Auswahl der Werke aus der Sammlung und stellte intuitiv ein facettenreiches Ensemble an Brücke-Arbeiten zusammen, das ohne Anspruch auf Vollständigkeit die gesamte Schaffenszeit der Künstler umspannt. In der Präsentation sind die Werke in lose thematische Kapitel gegliedert, darunter beispielsweise zum Frühwerk der Brücke oder zu Karl Schmidt-Rottluffs späten Stilleben.

Durch die Gegenüberstellung der klassischen und zeitgenössischen Positionen ist es innerhalb des Ausstellungsrundgangs möglich, Verbindungslinien und Differenzen zu

reflektieren. Die raumgreifende Installation von Suters Arbeiten lässt die Atelierwohnungen der Brücke-Künstler in Erinnerung rufen, die sie mit selbst gestalteten Möbeln, bedruckten Stoffen und gewebten Textilien eingerichtet hatten. Der Idee vom alle Lebensbereiche umfassenden Gesamtkunstwerk folgend, strebten sie eine enge Verbindung von Kunst und Leben an.

Auch in der Verbundenheit zur Natur zeichnen sich Parallelen des künstlerischen Selbstverständnisses von Suter und den Brücke-Protagonisten ab. In Reaktion auf die zunehmende Technisierung um die Jahrhundertwende suchten die Künstler der Brücke nach naturnahen Lebenserfahrungen. Der Mensch und dessen harmonische Beziehung zu seiner Umwelt wurde wichtiges Motiv ihrer Kunst. Wiederholt verbrachten sie die Sommermonate in unterschiedlichen Konstellationen an Seen oder am Meer, um dort Studien außerhalb des Ateliers vorzunehmen. Auch Suter malt in der üppigen Vegetation ihres Gartens. Immer wieder scheinen neben geometrischen Blöcken, dicken Farbspritzern auch organische Formen erkennbar, die an Pflanzen erinnern. Die Natur hält unmittelbar Einzug in ihre Kunst, sie wird zum gestalterischen Element ihrer Arbeit.

Über die Künstlerin
1949 in Buenos Aires geboren, zog Suter in den 1960er-Jahren mit ihren Eltern in die Schweiz, wo sie von 1967 bis 1972 an der Kunstgewerbeschule Basel studierte. Seit 1982 lebt die Künstlerin auf einer ehemaligen Kaffeeplantage am Rande der Kleinstadt Panajachel in Guatemala. Ihr Atelier liegt dort in unmittelbarer Nähe zum Vulkansee Atitlán in einem großen Garten mit frei wachsenden Palmen, Farnen und Eukalyptusbäumen, der an einen Urwald erinnert. 2005 verwüstete ein Tropensturm große Teile der Region und überflutete Suters Studio. Ihre Werke wurden durchnässt oder mit Schlamm bedeckt. Was zunächst als irreparabler Schaden der zerstörerischen Naturgewalt wirkte, akzeptierte Suter später als Teil der Gemälde.

Seither bezieht sie die Natur als gestalterisches Element in ihre künstlerische Praxis ein und setzt die Leinwände bewusst ihren Einflüssen aus. Bei der Arbeit im Freien hinterlassen Regenwasser, herabfallende Blätter und Tiere ihre Spuren auf den großformatigen Stoffbahnen. Bei näherer Betrachtung werden auch mit Farbe verkrustete Zweige und die Pfotenabdrücke ihrer Hunde Tintin, Nina und Bonzo ersichtlich. Losgelöst von der tropischen Umgebung, in der sie entstanden sind, zeugen ihre Gemälde auch in der Ausstellung von der Beschaffenheit des Waldes. „Es entsteht ein Garten aus Malerei, durch den die Besucherinnen und Besucher wandeln können“, erzählt Vivian Suter.

In den letzten Jahren wurden ihre Arbeiten u.a. im Camden Art Centre, London (2020); Tate Liverpool (2019–2020); The High Line, New York (2019–2020); Institute of Contemporary Art, Boston (2019) und Mudam, Luxemburg (2019) gezeigt.