Blinde Fotograf*innen – das klingt nach einem Paradox. Ist der Akt des Fotografierens nicht unweigerlich mit dem Sehen verbunden? Die Ausstellung beweist das Gegenteil: Um visuelle Kunst zu erschaffen, bedarf es einer starken inneren Vision, ausgefeilter Technik und Teamwork.

BLINDE FOTOGAF*INNEN präsentiert die Arbeit von vier Bildautor*innen, die im Laufe ihres Lebens erblindet sind. Sie setzen sich seit vielen Jahren mit dem für sie eigentlich Unmöglichen auseinander: dem Sehen. Für ihre Fotografien nutzen sie die Technik des Lightpaintings, die beinahe ebenso alt ist, wie die Fotografie selbst. In völlig abgedunkelten Räumen oder bei Nacht arbeiten die Fotograf*innen mit unterschiedlichen Lichtquellen und mittels Langzeitbelichtung die Aspekte eines Bildes heraus, die sie ihrem Gegenüber vermitteln möchten. Sie erhalten dabei Unterstützung von sehenden Assistent*innen, die die Motive ihren Anweisungen entsprechend arrangieren und ihnen verbal detailliert übersetzen, was sie visuell nicht wahrnehmen können.

Diese Zusammenarbeit ermöglicht den blinden Fotograf*innen ein hohes Maß an Kontrolle über die entstandenen Bilder. Die konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Medium führt zu individuellen und einzigartigen Bildsprachen: Susanne Emmermann befasst sich in einem abstrakten Spiel von Farben und Formen mit dem Thema Hände: „Hände transportieren, wie Augen, Gefühle. Hände geben Halt. Sie stehen für Liebe und die Gegenwart des Anderen. Aber natürlich auch für Aggression, was für mich aber nicht im Mittelpunkt steht.“ Mary Hartwigs expressionistische Erzählformen entführen uns in verwunschene Welten, die an die Erlebnisse der Alice im Wunderland erinnern. Silja Korn untersucht den Ausdruck ihres eigenes Selbst in rauschhafter Farbigkeit. Gerald Pirner schließlich fokussiert in seiner intensiven schwarz/weiß Serie auf das Selbstporträt und sein widersprüchliches Verhältnis zum Licht.

Susanne Emmermann (*1959) ist Fotografin und Reporterin. Im Projekt Blinde Reporter unterwegs besucht sie Ausstellungen in Berlin und Brandenburg und befragt Expert*innen sowie Besucher*innen, um sich ein umfassendes Bild von den Arbeiten machen zu können.

Mary Hartwig (1950-2019) erblindete bedingt durch einen Gendefekt schleichend. Ab 2017 widmete sie sich intensiv der Fotografie und nahm an zahlreichen Ausstellungen teil.

Silja Korn (*1966) ist seit ihrem 12. Lebensjahr vollblind. Sie arbeitet seit 30 Jahren als Erzieherin/ Spracherzieherin und fotografiert seit 2004.

Gerald Pirner erblindet 1989. Seit 2014 arbeitet er als freischaffender Essayist und Fotograf.
Er ist Gründungsmitglied des Fotostudios für blinde Fotograf*innen in Berlin, welches 2019 mit dem Jurypreis der 11. Wiesbadener Fototage als herausragendes und zukunftsweisendes Projekt ausgezeichnet wurde.


Öffnungszeiten: 
Mittwoch - Sonntag: 13:00 - 19:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: fhochdrei.org

© Silja Korn / Fotostudio für blinde Fotograf*innen
03.10. - 29.11.2020

BLINDE FOTOGRAF*INNEN

fhoch3 – freiraum für fotografie

Waldemarstraße 17
10179 Berlin