Zum zweiten Mal wird der Sammlungsbestand des MO als Themenausstellung präsentiert. Statt in eine chronologische Präsentation sind die Werke in eine Erzählung eingebunden, die an die Alltagserfahrung der Besucherinnen und Besucher anknüpft. Das bietet einen niedrigschwelligen Zugang zu den Meisterwerken des MO: Jede und jeder hat einen Körper, der essen und schlafen muss, einen Körper, dem wir Kleider anziehen und mit dem wir Sport treiben, einen Körper, der wächst und altert und irgendwann sterben wird. Jede und jeder hat aber auch Gedanken und Gefühle, die unser Verhältnis zur Welt und zu anderen Menschen prägen. Zwei Jahre lang zeigt die von Sammlungsleiterin Dr. Nicole Grothe kuratierte Ausstellung „BODY & SOUL. Denken, Fühlen, Zähneputzen“ 137 Werke aus der Sammlung des Museums Ostwall im Dortmunder U, die verschiedene Aspekte unseres Körpers, aber auch unseres Seelenlebens erforschen. Ein umfangreiches, kostenloses Begleitheft liefert Informationen zu den Werken und Kapiteln der Ausstellung. Unabhängig von der Ausstellung erscheint anlässlich der Sammlungsneupräsentation der Katalog „Expressionismus und klassische Moderne“ aus der Sammlung des Museums Ostwall im Dortmunder U mit Texten von Natalie Calkozan, Nicole Grothe und Edwin Jacobs zu den Meisterwerken der Sammlung des MO.

Die Ausstellung in neun Kapiteln:

Nackt „wie Gott uns schuf“?
Die Darstellung des nackten Körpers hat in der Kunst eine lange Tradition. Nacktheit wird oft mit Ursprünglichkeit, Reinheit und Naturverbundenheit assoziiert. Viele Künstlerinnen und Künstler zeigen den nackten Menschen in Einklang mit der Natur, so zum Beispiel Otto Mueller mit seinen „Drei Badenden im Teich“. Andere richten ihre Aufmerksamkeit auf den anatomischen Aufbau des Körpers. Auch Schönheitsideale spielen eine Rolle: Die Bandbreite vom durchtrainierten, schlanken Körper von Bernhard Hoetgers „Sent M’Ahesa“ bis zum runden, üppigen Körper von Maillols „Pomona“ zeigt: Was als „schön“ gilt, ist Ansichtssache. 

„Kleider machen Leute“
Kleidung ist etwas, das wir unserem Körper überstülpen: Kleidung dient dem Schutz vor Kälte und Nacktheit, wie Joseph Beuys‘ „Filzanzug“ oder der Vergleich zweier Gemälde von Karl Hofer zeigen. Kleidung markiert aber auch unsere Stellung innerhalb einer Gesellschaft: Sie zeigt, wie wohlhabend wir sind, welchen Beruf wir ausüben, oder welcher (Sub- )Kultur wir uns zugehörig fühlen. So sind die Menschen in August Mackes „Großer zoologischer Garten“ eindeutig als modische Stadtmenschen zu identifizieren. Die (Ver-)Kleidung unseres Körpers bestimmt außerdem, wie wir von anderen gesehen werden – davon zeugen Arne Siegfrieds unbetitelte Aquarelle, die vermeintlich einen Mann und eine Frau zeigen, die aber durchaus auch dieselbe Person sein könnten.

„Höher, schneller, weiter“
Unser Körper braucht Bewegung: Yoga, Pilates, Bouldern, Krafttraining, Joggen sollen den Körper aber nicht nur gesund, sondern auch fit, schlank und kräftig halten. Die ausgestellten Kunstwerke zeigen allerdings keine austrainierten Idealkörper. Bronzene Tänzerinnen von Bernhard Hoetger fokussieren auf die Schönheit der Bewegung, Edith Hultzschs Aquarelle „Eishockey“ und „Basketball“ zeigen das Tempo des Spiels und Karl Hofers Radierungen neben DJ-Zeichnungen von Barbara Hlali den Spaß beim Tanzen.

„Schlaf ist der Bruder des Todes“
Unser Körper braucht Ruhe, um sich zu erholen. Seit Jahrhunderten sind Künstlerinnen und Künstler vom friedlichen Aussehen und der Schutzlosigkeit schlafender Menschen fasziniert, aber auch vom Geheimnis, das den Schlaf und das Träumen umgibt. Von außen betrachtet ähnelt der Schlaf einer leichten Bewusstlosigkeit; Arthur Schopenhauer ging sogar so weit, den Schlaf als „Bruder des Todes“ zu bezeichnen. So macht Alexej Jawlenskys „Schlafende“ einen friedlichen und fast geheimnisvollen Eindruck, während wir bei Dieter Kriegs „Weißer liegender Figur“ nicht sicher sein können, ob wir es mit einem lebenden oder toten Körper zu tun haben. 

„Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“
Unser Körper braucht Energie, um zu funktionieren. In fast allen Kulturen hat Essen und Trinken aber auch eine soziale Funktion. Ob wir frisches Gemüse auf dem Markt kaufen, wie es uns von Willi Repkes „Marktfrau“ angeboten wird, oder ob wir Fastfood mit Blattgold bestellen, woran uns Robert Watts „Chrome Hamburger“ erinnert, zeigt außerdem an, in welcher gesellschaftlichen Schicht wir uns bewegen. Während Essen und Trinken in der Öffentlichkeit zum Alltag gehört, spielen sich die Folgen der Nahrungszufuhr im Verborgenen ab: Über Verdauungsvorgänge spricht man nicht, und Körperpflege, wie z.B. Zähneputzen, erledigt man – anders als in Thomas Bayrles „Super Colgate“ üblicherweise allein. 

Welche Farbe hat die Seele?
Ein wichtiger Teil unseres Menschseins sind unsere Gedanken und Gefühle, also das, was sich in unserer Seele abspielt. Die Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus versuchten in ihren Bildern nicht, die sichtbare Welt abzubilden, sondern das „innere Erleben“ auszudrücken, das sie z.B. beim Spaziergang in einer Landschaft empfanden. Ernst Ludwig Kirchners „Stafelalp bei Mondschein“ ist zum Beispiel deutlich durch seinen im Krieg erlittenen Nervenzusammenbruch geprägt. Die Surrealisten, zu denen Max Ernst zeitweise gehörte, erforschten hingegen Träume und Wahnvorstellungen. Sein „Forêt aux champignons“ scheint daher auch eher einer unterbewussten Furcht zu entspringen als Abbild eines echten Waldes zu sein. Auch die Selbstbildnisse, die in diesem Raum zu sehen sind, verraten uns viel über den Gemütszustand der Kunstschaffenden, von denen sie stammen: Max Beckmann inszeniert sich als nachdenklicher alter Mann, während Dieter Roths „Löwenselbst-Turm“ Größenwahn und Selbstzweifel gleichermaßen spiegelt.

Wovor hast Du Angst?
Fast alle Menschen dürften Angst vor Krieg und Folter haben, aber im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt sind diese Gefahren hier in Europa heute sehr abstrakt. Robert Watts „Guadalcanal“ erinnert uns an eine Schlacht aus dem Zweiten Weltkrieg, während Laurens „L’adieu“ allgemein an die Trauer des Abschieds von einem geliebten Menschen erinnert. Doch auch das Leben in „sicheren Ländern“ bietet genug Gelegenheiten, sich zu fürchten: Vor sexuellen Übergriffen, vor rassistischer Gewalt oder vor dem Verlust eines geliebten Menschen. Selten sind es Naturkatastrophen, die den Schrecken in unser Leben bringen, meist sind es die Menschen selbst, die einander Grausames zufügen, woran uns Germaine Richiers „Gottesanbeterin“ erinnert. 

Woran glaubst Du?
Zwar ist das Christentum in Europa weit verbreitet, im Alltag wird Religion jedoch immer seltener praktiziert. Gleichzeitig entwickeln immer mehr Menschen individuelle Glaubensvorstellungen, und durch Migration entstehen Familien, in denen sich z.B. muslimische und christliche Traditionen verbinden. Auch ostasiatische Einflüsse wie der Buddhismus verbreiten sich zunehmend. Die Rationalen unter uns glauben hingegen nur an die Vernunft. Die Neuerwerbung „Donation Box“ von Michael Landy persifliert die christlichen Praxen des Ablassbriefes und der Selbstkasteiung gleichermaßen, während Anna und Bernhard Blumes Porzellanserie die Vorstellung der Kant’schen „Reinen Vernunft“ ironisch kommentiert. Und George Brecht stellt uns mit seinem kiloschweren „Void Stone“ vor ein Zen-Rätsel, das vermutlich nur die Erleuchteten zu entschlüsseln vermögen.

„All You need is love…“
Wenn die Seele leidet, können Liebe und Freundschaft ihre Rettung sein: Das Zusammensein mit engen Freundinnen und Freunden, die Nähe des Partners, die Umarmung eines Familienmitglieds spenden nicht nur Trost, sondern sorgen auch in fröhlichen Zeiten dafür, dass es uns gut geht. Die Liebe gilt als reinstes Gefühl von allen – und ist doch ganz eng mit unserem Körper verbunden: Sind wir verliebt, haben wir „Schmetterlinge im Bauch“, denkt jemand an uns, wird uns „warm ums Herz“. Menschen, die Sex haben, „machen Liebe“, und Kinder, die sich nach Zuwendung sehnen, krähen, sie wollen „auf den Arm!“ So zeigen Bernhard Hoetgers Plastiken von Müttern und einem Vater mit ihren Kindern Bilder elterlicher Zuwendung, die beiden Liebenden in Christian Rohlfs „Clowngespräch“ necken einander zärtlich. Jörg Immendorff versammelt in seinem „Café de Flore“ nicht nur Freunde, sondern auch Künstlerpersönlichkeiten, denen er sich verbunden fühlte. Und das Konzert des „Kuemmerling Trios“, bestehend aus Dieter Roth, Emmet Williams und Hansjörg Mayr, erinnert uns daran, wie sehr eine durchzechte Nacht drei Freunde zusammenschweißen kann.


Öffnungszeiten:
Dienstag -  Mittwoch: 11:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag - Freitag: 11:00 - 20:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 – 18:00 Uhr
Montag: geschlossen 

Weitere Informationen direkt unter: museumostwall.dortmund.de