Im Sommer 2020 erhielt die Kunsthalle Emden mit einer Auswahl von Dauerleihgaben aus der Sammlung von Rolf und Irene Becker bedeutenden Zuwachs. Der durch Henri Nannen entstandene und durch die Schenkung des Galeristen Otto van de Loo wesentlich erweiterte Bestand der Kunsthalle Emden wird damit um gewichtige Positionen der Moderne und Gegenwart substantiell ergänzt. Zu diesem Anlass bringt die Ausstellung „Mit heißem Herzen“ Werke aus den drei Sammlungen in einen sinnlichen Dialog.

Rolf Becker, Gründer des Wort & Bild Verlags (u.a. Apotheken Umschau), und seine Frau Irene engagierten sich zeitlebens in herausragender Weise für bildende Kunst und Musik. Gesellschaftskritische und politische Themen, Identitäts- und Sinnstiftung gehören zu den wiederkehrenden Sujets, die alle drei Sammlungen Becker, van de Loo und Nannen auszeichnen. In der Ausstellung treffen Werke von Jonathan Meese, Anselm Kiefer und Georg Baselitz auf Positionen der Klassischen Moderne oder des Informel.

Henri Nannen (1913-1996)
Die von Henri und Eske Nannen zusammengetragenen Werke bilden den Grundstein der Kunsthalle Emden. Immer wieder wurde ihnen vorgeworfen, bei der Auswahl nur nach dem eigenen Bauchgefühl zu gehen, statt nach kunsthistorischen oder am Kunstmarkt orientierten Kriterien. So setzen sich die rund 600 Werke, die sie 1986 an das von ihnen gegründete Museum stifteten, aus unterschiedlichen Bereichen zusammen: Expressionismus und Neue Sachlichkeit einerseits, gestisch expressive wie auch fotorealistische Gegenwartsmalerei andererseits, sowie ein großes Konvolut sowjetischer Kunst aus den 1980ern. Henri Nannens vielzitierte »Lustkür«, – die er als Gegenbegriff der ihm vorgeworfenen Willkür in Bezug auf seine Sammlungsstrategie beschwor, – wird zum Spannungsfeld der künstlerischen Begegnungen. In einem Museumsbau, dessen »menschliche Dimensionen« durch Richard von Weizsäcker bei der Eröffnung gelobt wurden, erhält das eigene Kunsterleben als Sinneserfahrung besonderen Stellenwert und spiegelt so das Kunstverständnis der Stifter wider: die Kunst vermag es in besonderem Maße, die eigene, subjektive Gedankenwelt zu erweitern und zu bereichern.

Otto van de Loo (1924-2015)
Die Schenkung Otto van de Loos erweiterte 1997 kongenial die Sammlung des Hauses um Kunst nach 1945. Noch in der Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit gründete van de Loo 1957 seine Galerie in München, in der zunächst Positionen des deutschen Informel gezeigt wurden. Bald öffnete sich sein Programm auch für aktuelle, expressiv-figurative Strömungen der europäischen Malerei, so zum Beispiel der Gruppe CoBrA oder für die früh von ihm vertretenen Künstler Antoni Tàpies, Antonio Saura sowie vor allem Asger Jorn, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Herausragende Werke der Galerie-Künstler erwarb van de Loo für seine private Sammlung. Er begriff sich stets als »Augenmensch«, der an »neuen Einbrüchen in der Kunst« interessiert ist und nicht am möglichst rentablen Verkauf von Werken. 1997 schloss die Galerie Otto van de Loo nach 40 Jahren und mehr als 250 Ausstellungen. Seit 1998 betreibt seine Tochter Marie-José van de Loo eine Galerie unter eigenem Namen, in der sie das Programm um jüngere Positionen erweitert.

Rolf Becker (1920-2014)
Bei Rolf und Irene Becker traf das Ehepaar Nannen in den 1990ern erstmals auf Otto van de Loo. Rolf Becker ist vor allem als Gründer des Wort & Bild Verlags bekannt, doch sein langjähriges Engagement für bildende Kunst und Musik begleiteten ihn und seine Frau Irene zeitlebens. Sie taten sich als Stifterehepaar und Mäzene im gesamten Bundesgebiet hervor und pflegten sowohl eine hochkarätige private wie auch die Kunstsammlung des Verlages. Kurzzeitig war auch Rolf Becker als Galerist tätig: 1961 eröffnete seine Neue Galerie im Künstlerhaus am Lenbachplatz. Dort wurden richtungsweisende Positionen aus dem In- und Ausland gezeigt, darunter Christo, Hans Hofmann oder Niki de Saint Phalle. Eine Aktion der Künstlerin, die der bei Becker oft präsentierten Künstlergruppe der Nouveaux Realistes angehörte, erregte öffentliches Ärgernis und führte letztlich zur Schließung der Galerie.

Das Interesse an gesellschaftlich brisanten Themen in der Kunst riss dadurch jedoch nicht ab. Die Nachkriegsmalerei und deren politischer Sinngehalt sind ein wesentlicher Kern der Sammlung Becker. Im Jahr seines 100. Geburtstages wird nun ein Teil dieser Sammlung der Kunsthalle Emden als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

Künstlerliste zu den neuen Dauerleihgaben aus der Sammlung Rolf und Irene Becker:
Karel Appel, Georg Baselitz, Willi Baumeister, Jeppe Hein, Alexej von Jawlensky, Asger Jorn, Jonathan Meese, Roy Lichtenstein, Pablo Picasso, Bernhard Schultze, Emil Schumacher, Antoni Tàpies, Andy Warhol.

Zitate
Ich habe immer nur gesammelt, was Lust in mir erweckt hat – oder was mich bis unter die Haut schmerzte – was mich freute, aber auch wütend machte, wie könnte Lust entstehen ohne den Rausch der Farbe, wie könnte etwas Gefühls- und Denkanstöße vermitteln, was nicht auch ‚anstößig‘ ist.“
Henri Nannen

„In jedem Sammler steckt ein Exhibitionist. Ein echter Sammler versteckt seine Bilder nicht, sondern will andere daran teilhaben lassen.“ 
Henri Nannen

„Ein Kunstwerk, gewöhnlich mit der Signatur des Autors versehen, wendet sich a priori an die Allgemeinheit.“
Otto van de Loo