Große Retrospektive zu einem Meister der abstrakt-expressiven Malerei nach 1945
Als Mitbegründer der Künstlergruppe SPUR, eine der ersten Avantgardebewegungen im Nachkriegsdeutschland, trägt Helmut Sturm (1932-2008) maßgeblich zur künstlerischen Aufbruchsstimmung der 60er Jahre bei. Auf geistreich provokative Art verbindet seine Malerei, vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit Kubismus und Informel sowie Kunstlern wie Max Beckmann, Asger Jorn und Willem de Kooning, spielerisch die vermeintlich gegensätzlichen Pole Abstraktion und Figuration. Im dynamischen Malprozess findet er zu einer form- und farbmächtigen Bildsprache, die die räumlichen Grenzen der Leinwand aufbricht. In den fünf Jahrzehnten seines Schaffens ist er kurze Zeit mit der Situationistischen Internationale verbunden, initiiert weitere Künstlergruppen und setzt als Hochschulprofessor weitreichende Impulse.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses bedeutenden Werkes war jedoch lange überfällig. Mit „Helmut Sturm. Spielfelder der Wirklichkeit“ richtet die Kunsthalle Emden nun die erste umfassende Retrospektive zum Schaffen des Münchner Malers aus. 

Die Ausstellung wandert nach dem Auftakt in Emden weiter in das Museum Lothar Fischer und das Kunstmuseum Ravensburg.Alle drei Museen in Emden, Ravensburg und Neumarkt in der Oberpfalz besitzen in ihren Sammlungen zentrale Arbeiten des Malers. Ausstellung und Katalog wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Nachlass Helmut Sturm realisiert.

Werk
Bereits in seinen Studienjahren an der Münchner Akademie der Bildenden Künste entwickelte Sturm in der Auseinandersetzung mit dem Kubismus und dem Informel sowie der Beschäftigung mit Einzelpositionen wie Wassily Kandinsky, Max Beckmann, Willem de Kooning und Emilio Vedova seine eigene unverwechselbare Bildsprache. In seinem künstlerischen Schaffen verbindet er spielerisch Gegenständliches mit Abstraktem und verschmilzt diese großen formalen Antipoden zu einem neuen, einheitlichen Bilddenken. Der dynamische Bearbeitungsprozess, die gestisch-spontanen Verflechtungen von Malspuren und Farbtiefen, die Helmut Sturm bis zu seinem Tod weiter vorantreibt, spielen dabei eine wesentliche Rolle. 

Netzwerk
Diese konstante Weiterentwicklung seiner eigenen Malerei entstand stets im engen Austausch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern. Als Initiator, Mitbegründer und treibende Kraft der Künstlergruppen SPUR, GELFECHT und KOLLEKTIV HERZOGSTRASSE sowie als Mitglied der Situationistischen Internationale, stand Helmut Sturm in regem Austausch mit nationalen und internationalen Künstlern, Schriftstellern und Denkern. Zu seinem Umfeld zählten unter anderem Asger Jorn, Maurice Wyckaert, Guy Debord. 

Wirkung und Vermächtnis
Schließlich konnte sich Helmut Sturm als Professor profilieren und eine ganze Nachfolgegeneration an jungen Kunststudierenden beeinflussen. Zunächst übernahm er als Gastprofessor die Klasse von Hann Trier an der Akademie der Künste in Berlin (1980-82), anschließend war er Professor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München (1985-98), wo er die Klasse von Günther Fruhtrunk übernahm. 

Bis zu seinem Tod 2008 hat Helmut Sturm kontinuierlich weiterproduziert und ein vielfältiges Oeuvre hinterlassen. Werke befinden sich heute unter anderem in der Nationalgalerie Berlin und in der Bayrischen Staatsgemäldesammlung München.

Die Schenkung von Otto van de Loo hat die Sammlung der Kunsthalle Emden um einen bedeutenden Schwerpunkt in deutscher und europäischer gestisch-expressiver Nachkriegsmalerei erweitert und ergänzt somit kongenial die Sammlung Henri Nannens. Zu dieser Schenkung zählen auch drei epochale Werke aus Helmut Sturms Frühwerk um 1960. 

Zur Person
Helmut Sturm (* 21. Februar 1932 Furth im Wald - † 20. Februar 2008 Pullach). 
Sturm studierte von 1952 bis 1958 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er war Mitbegründer der Gruppe SPUR, die von 1957 bis 1965 existierte. Im Jahr 1970 war er Mitbegründer des Kinderforums in den Räumen der Forumgalerie van de Loo in München. Von 1980 bis 1982 hatte er eine Gastprofessur an der Hochschule der Künste in Berlin inne. 1985 übernahm er an der Akademie der Bildenden Künste in München den Lehrstuhl von Günter Fruhtrunk und behielt diesen bis 1998. Sturm starb nach langer schwerer Krankheit zwei Tage vor seinem 76. Geburtstag.

Die Ausstellung
Diese erste umfassende Retrospektive zeichnet das 60-jährige Schaffen des Malers anhand richtungsweisender Werke nach. Innerhalb der Ausstellung werden auch an bedeutenden Übergangsphasen Künstlerkollegen, Wegbegleiter und geistige Wahlverwandtschaften anschaulich und ergänzend zur Seite gestellt. Hier wird zum einen die Entwicklung des eigenen Malstils sowie die Vernetzung des Künstlers aufgezeigt, um das Werk letztendlich in den internationalen Strömungen seiner Zeit einzuordnen. Die zur Ausstellung erscheinende Publikation greift dabei nicht nur die in der Ausstellung gezeigten Werke auf, sondern versteht sich als Standardwerk zum gesamten Schaffen Helmut Sturms und soll Textbeiträge von namhaften Autorinnen und Autoren beinhalten. Ziel ist es, das Schaffen des Malers inklusive seines weniger beachteten Spätwerks in seiner gesamten Bandbreite einem größeren Publikum bekannt zu machen und die nationale und internationale Verankerung des Künstlers darzulegen. 

Ausstellungs-Tournee
Kunsthalle Emden: 16.09.2020–17.01.2021
Museum Lothar Fischer, Neumarkt in der Oberpfalz: 07.02.2021–09.05.2021
Kunstmuseum Ravensburg: 10.07.2021–10.10.2021

Katalog
Helmut Sturm. Spielfelder der Wirklichkeit
Hrsg.: Pia Dornacher, Lisa Felicitas Mattheis, Ute Stuffer, Katharina Sturm.
Beiträge von O. Bergmann, P. Dornacher, A. Heil, H. Heindl, H. Herrmann, E. Huttenlauch, B. Kleindorfer-Marx, A. Kühne, L. F. Mattheis, S. Niggl, U. Stuffer, K. Sturm. Text: Deutsch / Englisch.
ca. 260 Seiten mit 160 Abbildungen in Farbe, 22 x 28,5 cm, Klappenbroschur, Preis an der Museumskasse € 29,90 .