Unergründliches, ultimatives Schwarz – ihm hat der große französische Maler und Pionier der Abstraktion Pierre Soulages sein Leben als Künstler gewidmet. Dabei bedeutet Schwarz für ihn alles andere als Dunkelheit und Düsternis. Schwarz ist vielmehr das Pendant zum Licht, erst das Schwarz bringt seine Vielfalt zum Strahlen – ob die Farbe nun gerakelt, gebeizt oder gemalt aufgetragen wird. Es sind die Unterschiede der Texturen, die mal glatt und mal faserig, mal entspannt und mal angespannt ausfallen und die sich beim Einfall des Lichts zu maximalem Nuancenreichtum steigern. Es ist der Kontrast von Hell und Dunkel, mit dem er aus den Tiefen des Schwarz das Licht an die Oberfläche der Leinwand hervorlockt. „Ich sage nichts. Ich stelle nicht dar. Ich male, ich präsentiere", – so Soulages selbst über seine radikale Herangehensweise. – Der heute 100jährige Künstler wurde am 24. Dezember 1919 im südfranzösischen Rodez (Aveyron) geboren, er lebt und arbeitet in Paris und Sète.
 
Anlässlich des 100. Geburtstag des Malers Ende letzten Jahres, zu dem das Pariser Louvre ihn mit einer bedeutenden Ausstellung würdigte, ist es dem Museum Frieder Burda nun gelungen, eine große, retrospektiv angelegte Ausstellung des französischen Jahrhundertkünstlers zu realisieren und maßgebliche Werke aus den letzten sieben Dekaden zusammenzutragen. Kuratiert wird die Ausstellung von Alfred Pacquement, dem langjährigem Kenner und Freund von Pierre Soulages, einer der renommiertesten Kuratoren Frankreichs (u.a. viele Jahre Direktor des Centre Pompidou, Paris) sowie Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie Berlin. Im Anschluss an Baden-Baden wird die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz gezeigt. Rund 60 Werke aus internationalen Sammlungen wurden zusammengetragen, die Schau entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler.
 
„Dass diese Ausstellung in Deutschland möglich wird, darf als eine kleine Sensation gewertet werden“, so Henning Schaper, Direktor des Museum Frieder Burda. „Aber sie hat auch ihre innere Bewandtnis. Soulages selbst hat oft gesagt, in Deutschland habe für ihn alles angefangen. Im Geiste Frieder Burdas setzen wir damit nun auch unsere Tradition fort, den Dialog zwischen französischer und deutscher Kunst zu befruchten.“ In der Tat war Soulages‘ Teilnahme an der Wanderausstellung „Französische abstrakte Malerei“ 1948/49 als jüngster Künstler entscheidend für die frühe Bekanntheit seines Œuvres. Auch seine erste Retrospektive hat in Deutschland stattgefunden: in der Kestner Gesellschaft Hannover im Jahr 1960. Als einziger Künstler überhaupt nahm er 1955, 1959 und 1964 an den ersten drei Ausgaben der documenta in Kassel teil. Am wichtigsten für ihn selbst war aber wohl die große und schon sehr frühe Hochachtung seiner deutschen Malerkollegen des Informel – dazu gehörten Willi Baumeister, HAP Grieshaber, Karl Otto Goetz, Rupprecht Geiger, Fred Thieler, Hann Trier und vor allem Fritz Winter. Dabei wohnt Soulages‘ Auseinandersetzung mit der Farbe Schwarz eine eigene Entwicklung inne: Seine ersten gestischen Bilder des Informel, die mit Nussbeize gemalten Bilder der Serie Brous de noix der späten 1940er-Jahre wecken in ihrer formalen Reduzierung noch Erinnerungen an chinesische Kalligrafie. Ab 1979, mit seinem radikalen Bekenntnis zum Outrenoir, dem Über-Schwarz, gelingt Pierre Soulages schließlich die Überwindung alles Gegenständlichen und Symbolischen.
 
Alfred Pacquement und Udo Kittelmann beschreiben ihre Zusammenarbeit mit dem Künstler: „Pierre Soulages ist und bleibt bis heute eine der großen Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. Sein Œuvre hat sich seit über 70 Jahren, von seinen Anfängen kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute, in die Geschichte der zeitgenössischen Kunst eingeschrieben.“
 
Die Ausstellung dokumentiert den Werdegang des Künstlers von 1946 bis heute und zeigt eine Auswahl an Gemälden aus europäischen Museen und Privatsammlungen, insbesondere aus dem Soulages-Museum in Rodez und dem Centre Pompidou in Paris.

Pierre Soulages © Sandra Mehl
17.10.2020 - 28.02.2021

Soulages: Malerei 1946 - 2019

Museum Frieder Burda

Lichtentaler Allee 8 b
76530 Baden-Baden