Das SCHAUWERK Sindelfingen zeigt ab dem 05. September 2020 die Ausstellung THERE IS ANOTHER WAY OF LOOKING AT THINGS mit unterschiedlichen künstlerischen Positionen von neun zeitgenössischen Künstler:innen aus der Sammlung Schaufler, die existenzielle Fragen an unsere Zeit stellen. Einige Werke werden zum ersten Mal im SCHAUWERK gezeigt.

„THERE IS ANOTHER WAY OF LOOKING AT THINGS“ – diese Worte stehen als Titel und Motto über der Ausstellung, die vom 05.09.2020–24.05.2021 im SCHAUWERK zu sehen ist. Sie erinnern daran, dass immer die Möglichkeit besteht, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Das Zitat ist der gleichnamigen, etwa 20 Meter langen Neonarbeit von Maurizio Nannucci aus dem Jahr 2012 entnommen, die in der sonst leeren, weitläufigen Shedhalle installiert ist. Der Text hat in seiner Aktualität nichts eingebüßt. Ganz im Gegenteil, er ist aktueller denn je und lässt sich auf verschiedene Ereignisse der Gegenwart projizieren. Er regt zum Nachdenken über uns selbst und unser Verhältnis zur Welt an und sensibilisiert für verschiedene Sichtweisen.

Insgesamt stehen zehn Werke aus der Sammlung Schaufler im Fokus des gegenwärtigen Diskurses. Vertreten sind die Künstler:innen: Ai Weiwei, Tony Cragg, Jeppe Hein, Lori Hersberger, Lee Bul, Maurizio Nannucci, Giulio Paolini, Mario Schifano und Erwin Wurm. Ihre Werke geben Aufschluss darüber, was zeitgenössische Kunst nicht nur in Krisenzeiten macht: Sie befragen die Werte unserer Zeit, unsere Gewohnheiten, beziehen Stellung, entfachen Fantasie und Emotionen und geben Impulse zum Nachdenken und Innehalten.
Im Eingangsbereich begrüßt die Besuchenden ein goldenes Würstchen auf zwei Beinen mit schlackernden Armen. In der Flucht steht die Skulptur eines Menschen, dessen Kopf durch eine Handtasche des Luxuslabels Hermès ersetzt ist. Erwin Wurm ist bekannt für seinen ironischen Zugriff auf Modeartikel, Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände und Autos. Seine Werke kommentieren humorvoll, aber auch sarkastisch das Konsumverhalten. Sie bringen den Betrachtenden dazu, die Beziehung zu materieller Kultur zu überdenken und zu hinterfragen, in welcher Gesellschaft wir leben. Zwei gekrümmte Linien aus Spiegellamellen, die in gleichem Abstand zueinanderstehen, verweben sich zu einem Labyrinth. Die Installation Your Way, 2017 von Jeppe Hein ist begeh- und erfahrbar. Betritt man das Werk, entsteht ein ungewohntes Wechselspiel zwischen Außen- und Innenraum, das durch die Spiegel und die eigene Bewegung verstärkt wird. Die Besuchenden werden Teil des Werks, sie treten in Beziehung zur Arbeit, zum Raum, zu anderen Personen und letztendlich zu sich selbst. Dahinter strahlt das Gemälde Poppy New Day, 2001 von Lori Hersberger in Gelb-, Rot-, Pink- und Orangetönen sowie in kühleren Blau- und Grautönen vor hellem Grund. Der Titel unterstreicht die kräftigen Farben, die in runden Formen in einem scheinbar unbegrenzten Bildraum wie aufzupoppen scheinen. „Poppy“ bezeichnet ein kräftiges Rot-Orange, bedeutet übersetzt aber auch „Mohnblume“. Form- und Farbgebung lassen an ein abstrahiertes Mohnblumenfeld denken. Bei Mario Schifanos Gemälde When I remember Giacomo Balla, New York City, 1964 steht die menschliche Bewegung im Zentrum. Dargestellt sind schwarze Umrisslinien kopfloser, sich überlagernder Körper auf hellem Grund. Die Menschenmenge scheint sich von links nach rechts zu bewegen. Schifano war beeinflusst von Fotografie und Film und deren Fähigkeit, zeitliche Abläufe festzuhalten. Er übertrug diese Technik auf die Malerei und fing die Schnelllebigkeit des Lebens ein.

Die Skulptur Forever, 2013 von Ai Weiwei besteht aus zahlreichen identischen Fahrrädern aus vergoldetem Edelstahl, die in streng geometrischer Anordnung gestapelt sind. Auf typische Merkmale, wie Ketten, Lenker, Pedale und Sättel verzichtet der Künstler. Das Fahrrad als Transportmittel und Symbol für individuelle Bewegungsfreiheit wurde somit seiner ursprünglichen Funktion enthoben und ins Abstrakte überführt.
Tony Cragg hat für die Skulptur Eroded Landscape, 1998 verschiedene weißliche und grüne Gefäße aus sandgestrahltem Glas in die Höhe gestapelt. Die Objekte sind durch Glasplatten getrennt. Die Skulptur wirkt zerbrechlich und kraftvoll zugleich. Verrückte man ein Gefäß, käme das gesamte System ins Schwanken. Wie ein funkelnder Leuchter hängt das Werk Sternbau No. 34, 2012 der Künstlerin Lee Bul von der Museumsdecke. Unzählige Kristall-, Glas- und Acrylperlenketten hat Lee zusammengesetzt und diese an Edelstahlsegmenten befestigt. Die Arbeit zählt zu einer Werkserie, in der sich die Künstlerin mit Architekturutopien des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt. Sie bezieht sich auf Bruno Taut (1880–1938) und dessen visionäre, doch unrealisierbare Alpine Architektur (1919), mit der er den Wunsch verfolgte, Architektur und Natur in Einklang zu bringen. Lee setzt Tauts Vision mit einer „im Raum schwebenden“ Skulptur um. Sternbau No. 34 strahlt Fantastisches und Unnahbares aus. Vergangenheit und Gegenwart treffen bei Expositio, 1994–2016 von Giulio Paolini aufeinander. Vier nachgebildete Gipsabgüsse einer antiken Venusstatue sind auf grauen Holzsockeln im Kreis angeordnet. Die Figuren sind um 90° zueinander gedreht, sodass beim Umrunden eine Allansichtigkeit der Venus entsteht, wobei nie alle Aspekte gleichzeitig erfassbar sind. Plexiglasscheiben zwischen den Gipsabgüssen spiegeln die Abgüsse selbst, die Betrachtenden und den Umraum. Die Besuchenden werden beteiligt und in einen Dialog zwischen dem Hier und Jetzt und der Vergangenheit involviert.

Die Auswahl der Werke wirft einen besonderen Blick auf die Sammlung Schaufler. Kann Kunst einen Wertewandel vorantreiben, der uns dazu bringt, unsere Beziehung zur materiellen Kultur zu überdenken? Kann Kunst Wege aufzeigen, sich der Welt und den Mitmenschen gegenüber anders zu verhalten? Um diese und andere existenzielle Fragen an die Kunst geht es in den präsentierten Werken. Sie thematisieren das Unbehagen über eine Welt, in der die Maxime – mehr, größer, schneller – gilt und das Ego im Vordergrund steht. Entschleunigung und Innehalten können auch eine Chance sein, wieder auf uns und die Welt zu hören. Das Museum bietet hierfür einen einzigartigen Resonanzraum. Peter Schaufler und Christiane Schaufler-Münch wussten dieses Potenzial zu schätzen, wenn sie Kunst zum Nachdenken, zur Erweiterung der Sensibilität und Empathie erwarben. Seit zehn Jahren können Besucher:innen daran teilhaben. Die Kunstvermittlung erhält inmitten der Ausstellung einen eigenen Bereich. Neben der Präsentation und Information begreift das SCHAUWERK den musealen Raum als einen Ort der Begegnung, des Austauschs und der Reflexion. Nehmen Sie sich die Zeit, im SCHAUWERK zu verweilen und neue Impulse zu gewinnen!