Welche Bedeutung hat der sogenannte, allgegenwärtige Markt in der heutigen Zeit? Wie sehr bestimmen seine Mechanismen und Prinzipien unser aller Leben? Die internationale Gruppenausstellung „Ausweitung der Marktzone – Künstlerische Fragen an den heutigen Kapitalismus“ geht diesen Fragen nach. Dabei geht es um Grundlagen eines neoliberal ausgeprägten Kapitalismus, aber auch um seine Auswirkungen etwa auf die Arbeitswelt, um unsere Rolle als individuelle Marktteilnehmer*innen, um globale Ungleichheiten sowie um stabile und instabile Märkte.

Mit Arbeiten von: AG Arbeit, Iván Argote, Ruben Aubrecht, Tom Früchtl, Mariam Ghani, Jochen Höller, Christian Jankowski, Sven Johne, Anja Kempe, Federico Martínez Montoya, Beate Passow, Oliver Ressler, Julian Röder, Andreas Siekmann, Pilvi Takala, Thomas Thwaites, Brian Ulrich, Stefanie Unruh, Thomas Weinberger / Benjamin Zuber, Stefanie Zoche

Märkte in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sind seit Jahrtausenden wesentlicher Bestandteil des Zusammenlebens von Menschen. Auf traditionellen Märkten wurden und werden Waren des täglichen Bedarfs gehandelt, aber auch Luxusgüter und Kunstwerke wurden schon früh und weit über die Grenzen von Herrschaftsgebieten und Kontinenten hinweg ausgetauscht. So hat sich im Laufe der Geschichte für alles, was gehandelt werden kann, der entsprechende Markt gebildet. Heute wird der fest im allgemeinen Sprachgebrauch verankerte Begriff „Markt“ gerne mit unverfänglichen Assoziationen von vermeintlich alles zum Guten regelnden „natürlichen Kräften“ und „Eigengesetzmäßigkeiten“ konnotiert, die allerdings die oftmals zerstörerische Entfaltung des Marktprinzips nur schwer fassen, ja sie sogar verschleiern.

Die Ausstellung „Ausweitung der Marktzone“ stellt künstlerische Positionen vor, die Mechanismen und Auswirkungen des Marktes aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Andreas Siekmann untersucht in seiner 24-teiligen Serie „Die ökonomische Macht der öffentlichen Meinung & die öffentliche Macht der ökonomischen Meinung. Denkfabriken, Think Tanks und die Privatisierung der Macht“ auf grafische, aufklärerische Weise die mit dem Kapitalismus verbundenen Herrschaftsprinzipien, während Thomas Weinberger und Benjamin Zuber mit Margaret Thatchers Diktum „There is no such thing as society“ eine der Grundüberzeugungen des Neoliberalismus thematisieren, die Konkurrenz und Wettbewerb anstelle von Solidarität als zentrales gesellschaftliches Paradigma setzt. Im Video „Die Jagd“ erlegt Christian Jankowski mit Pfeil und Bogen Waren in einem Supermarkt und konfrontiert so auf humorvolle Weise die Tätigkeit des Jagens, die der Erfindung von Märkten vorausgeht, mit dem modernen Konzept der Selbstbedienungssupermärkte und thematisiert damit auch das Verhältnis von Selbstversorgung und Arbeitsteilung. Der amerikanische Fotograf Brian Ulrich hat in seiner Serie der „Dark Stores“ eindrucksvolle Bilder leerstehender, zerfallender Einkaufszentren gemacht, auf denen die Bauwerke trotz ihres Leerstandes teilweise als Tempel der heutigen Zeit erscheinen und eine monumentale Anmutung erhalten, die der Rolle des Konsums in unserer Gesellschaft angemessen ist.

Der Berliner Künstler Tom Früchtl bemalt einen echten, massiven Goldbarren mit Goldfarbe und stellt Fragen danach, wie Werte entstehen und festgelegt werden und welche Rolle die Malerei dabei spielen kann. Der mexikanische Künstler Federico Martínez Montoya wiederum zerstört eine Dollarmünze durch Hammerschläge und führt damit eine der Grundlagen moderner Märkte, das Geld, wieder darauf zurück, was es ohne das in sie gesetzte Vertrauen wäre: eine simple Metallplatte. Und Iván Argote zeigt auf spielerische Weise, dass Zeit tatsächlich Geld sein kann, indem er eine Uhr aus Euroscheinen im Ausstellungsraum laufen lässt.

Märkten wird gerne eine Eigengesetzlichkeit attestiert, die Naturgesetzen gleichkommt. Entsprechend können Erschütterungen von Märkten als unaufhaltsame Folge von Ereignissen erscheinen, so wie es Beate Passows Arbeit zeigt, die die fallenden Aktienkurse des auf den 11. September 2001 folgenden Tages aufgreift. Jochen Höller wiederum widmet sich mit „Pulse“ dem sogenannten Flash Crash, einem Phänomen des computergesteuerten Hochfrequenz-Tradings, bei dem es passieren kann, dass der Wert eines Stock-Markets innerhalb weniger Sekunden rapide an Wert verliert, um sich dann nach nur wenigen Minuten wieder zu erholen. In ihrem Video „Going, Going, Gone“ geht Mariam Ghani dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes 2009 nach und zeigt in einer Klang- und Bildcollage leerstehende Immobilien in New York. Ebenfalls dem Krisenjahr 2009 widmet sich Beate Passow in ihrer Serie „Trade Made“, in der mittels fingierter Kreditkartenabrechnungen die Reise einer Kunstsammlerin zu verschiedenen Kunstmessen nachzuvollziehen ist, auf denen sie Kunst kauft und in den für eine reiche Sammlerin angemessenen Hotels nächtigt, Ausstellungen besucht und teuer diniert. Passow fragt mit ihrer Arbeit danach, wie sich die Märkte der Reichen in Krisenzeiten verhalten. Mit dem Kunstmarkt setzt sich auch Ruben Aubrecht in seiner Serie von Zeichnungen auseinander, die zugleich Kunstwerk und die Quittung über dieses Kunstwerk sind. Auf raffinierte Weise thematisiert Aubrecht so das Verhältnis von künstlerischem Wert und Geldwert und spielt auch auf die Volatilität von Preisen an. Krisensicher scheint das Geschäft mit Waffen zu sein, denn Kriege herrschen immer. Julian Röder hat die weltgrößte Waffenmesse in Abu Dhabi besucht und eine eindrucksvolle Serie von Fotografien geschaffen, auf denen dieser gigantische, sich gleichwohl überwiegend im Verborgenen abspielende Markt gezeigt wird. Dabei werden die tödlichen Werkzeuge wie andere Konsumartikel auch mit ihren Vorteilen präsentiert und auf verstörende Weise ästhetisiert, damit sie möglichst gut zu verkaufen sind.

Zu den globalen Märkten gehören auch die Rohstoffmärkte, deren Bedeutung in den bekannten Formen etwa von Öl ständiges Thema in den Medien sind. Weniger bekannt ist, dass auch Sand eine weltweit umkämpfte, immer knapper werdende Ressource ist. Ihr widmet sich Stefanie Zoche in ihrer Videoinstallation „Fortuna Hill“, die Investitionsruinen in Spanien dem illegalen Sandabbau in Marokko und Indien gegenüberstellt. Oliver Ressler diskutiert in seinem Film „The Visible and the Invisible“ ein Ausbeutungsverhältnis, das giftige Industrien und inhumane Jobs im globalen Süden herausbildet, während die gigantischen Profite aus dem Rohstoffhandel in den Händen einiger weniger im globalen Norden anfallen. Die Schweiz hat sich dabei zum globalen Zentrum des Rohstoffhandels entwickelt, der überwiegend im Stillen durchgeführt wird.

Durch die massive Ausbreitung der neoliberalen Ideologie in den vergangenen Jahrzehnten griffen die Prinzipien eines sogenannten freien Marktes auf immer mehr vormals öffentliche oder staatliche Bereiche der Gesellschaft über und gliederten sie in ihre Logik ein. Über den Austausch von Waren, Dienstleistungen, Rohstoffen und Finanzen hinweg hat sich ein dereguliertes ökonomisches Prinzip noch in den letzten Bereich unseres individuellen Lebens hinein verlagert und aus Individuen permanente Marktteilnehmer*innen gemacht, die für ihren Erfolg, ihr Glück und letztlich ihr Überleben allein verantwortlich sind. Sven Johne zeigt in „Heroes of Labour“ die Beschwörungen von Top- Motivationstrainer*innen, die Teil eines Marktes sind, der Geld damit verdient, anderen Menschen Selbstbewusstsein und Motivation zu geben, damit sie wiederum in einer Welt des Wettbewerbs Erfolg haben können. Das Vokabular der sogenannten Wettbewerbsfähigkeit von Ländern überträgt Anja Kempe in ihrem Video „Aufschwung“ auf sich als Person und beschreibt sich damit als erfolgreich und für die Zukunft bestens aufgestellt. Die finnische Künstlerin Pilvi Takala wiederum widmet sich Mikroarbeit und damit einer relativ neuen Form des Arbeitsmarktes. Es geht bei ihr um Mikroarbeiter*innen, die Geld damit verdienen, anderen Menschen in Chats vorzugeben, sie seien ihre Freund*innen. Takala zeigt einen virtuellen Chat, der eine Unterhaltung von solchen Mikroarbeiter*innen darstellt, die sich über ihre Erfahrungen in ihrem prekären Job austauschen und auch darüber, wie einen die Arbeit in Beschlag nimmt. Stefanie Unruhs Installation „Ich weiß nicht, arbeite ich gerade oder nicht“ beschäftigt sich mit den Grenzen von Arbeit und Freizeit, die, auch und gerade in den künstlerischen Berufen, zunehmend verschwimmen und ein Kennzeichen der modernen Arbeitswelt geworden sind. Mit der Idee einer idealen Künstlerpersönlichkeit, die ihre prekäre Situation hinter sich lässt, beschäftigt sich AG Arbeit mit ihrem Poster „We imagine a Persona!“, das die Besucher*innen am Ende des Rundgangs mit einem utopischen Arbeitsentwurf aus der Ausstellung entlässt.


Öffnungszeiten
Dienstag - Samstag: 14:30 - 17:00 Uhr
Sonntag: 13:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kallmann-museum.de

Christian Jankowski Die Jagd, 1992 Video, 1:11 min, PAL, 4:3, Farbe, Ton Courtesy Studio Christian Jankowski
21.03. - 11.10.2020

Ausweitung der Marktzone – Künstlerische Fragen an den heutigen Kapitalismus

Kallmann-Museum Ismaning

Schloßstr. 3b
85737 Ismaning