Die Bedeutung von Protesten, die zu unterschiedlichen Zeiten soziale Gerechtigkeit einforderten, und das Verhältnis von Machtstrukturen zu Architektur und öffentlichem Raum werden in Clemens von Wedemeyers Film Procession beleuchtet

Die Proteste, die 1958 während des Drehs der Hollywood-Produktion Ben Hur ausbrachen, sind der Ausgangspunkt von Clemens von Wedemeyers Film Procession (2013). Tausende Arbeitslose reisten damals in die von Benito Mussolini gegründete Cinecittà bei Rom, dem „Hollywood Italiens“, weil es Gerüchte gab, es gäbe dort Arbeit als Kompars*in für die Massenszenen. Als sie zurückgewiesen wurden und damit die Ausschlagung des erhofften Lohns verbunden war, stürmten sie die Filmstudios.

Die historischen Aufstände werden zur Kulisse von Clemens von Wedemeyers Film. Die Stimmen der Aufständischen von gestern übernehmen dabei in Procession Kulturaktivist*innen von heute: Sie werden in dem 15-minütigen Schwarzweißfilm von den Mitgliedern des Teatro Valle Occupato verkörpert, die sich 2011 organisierten, um der Schließung des Teatro Valle, dem ältesten Theater Roms, durch Selbstverwaltung zu begegnen. Das Theater wurde ab 2011 zu einem der wichtigsten Akteure der Transformationen innerhalb des Kultursektors Roms. Die Stimmen der Protestant*innen von damals, der Wunsch nach Repräsentation und nach Arbeitsplätzen werden durch dieses Reenactment aktualisiert und in einen Dialog mit der Jetzt-Zeit gebracht, wobei die prekäre Situation der Aufständischen von 1958 in unmittelbare Verbindung zur prekären Situation der Kulturaktivist*innen des Teatro Valle Occupato gebracht wird.  


Clemens von Wedemeyer vereint in Procession Fiktion und Dokumentation, spielt mit verschiedenen Realitätsebenen und einer filmischen Sprache, die das Medium Film reflektiert. Seine Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen bildet dabei den Ausgangspunkt und stellt sozio-politische Bezüge bis in die Gegenwart her. Ergebnis ist eine immersive filmische Erfahrung, in der die eigene Wahrnehmung stets aufs Neue hinterfragt werden muss.

Mit Procession nimmt der Nassauische Kunstverein als Parcourspartner an der B3 Biennale des Bewegten Bildes 2020 unter dem Leitthema TRUTHS teil und ist Kooperationspartner des exground filmfests 33 mit dem diesjährigen Länderschwerpunkt Italien.

Über den Künstler

Clemens von Wedemeyer (*1974, Göttingen) studierte Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld und Bildende Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. 2005 schloss er sein Studium als Meisterschüler von Astrid Klein ab. Seit 2013 hat er eine Professur für Expanded Cinema an der Hochschule für Gestaltung und Buchkunst Leipzig inne. Seine Arbeiten wurden weltweit auf zahlreichen Festivals und in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert, unter anderem im Kunstverein Leipzig (2018), im Irish Museum of Modern Art, Dublin (2016), im Museum of Contemporary Art, Chicago (2015), auf der dOCUMENTA 13, Kassel (2012), im MoMA PS1, New York (2006) und auf der Moskau Biennale (2005). Clemens von Wedemeyer lebt und arbeitet in Berlin.

Mit Procession nimmt der Nassauische Kunstverein als Parcourspartner an der B3 Biennale des Bewegten Bildes 2020 teil. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit dem exground filmfest 33.