Paco Knöller gelingt es, im Vertrauen auf die unerschöpflichen Mittel und Möglichkeiten von Malerei und Zeichnung dem Sehen einen neuen Antrieb zu verleihen. In einer Kabinettausstellung präsentiert das Museum Ulm zum 70. Geburtstag des aus Obermarchtal stammenden Künstlers eine erlesene Auswahl aus seinen jüngsten Zeichnungszyklen im Zusammenspiel mit großformatigen farbigen Ölkreiden auf Holz. Seine Bildsprache entwickelt sich in einem Spannungsfeld zwischen virulenten Gebärden, rhythmischem Gestus, punktuellen Setzungen, filigranen Lineaturen und ausgedehnten Farbräumen. Seismographisch folgt der Duktus seiner Handschrift intuitiven Regungen.

In einem offenen Spektrum zwischen hell durchlichteten und pastellig gebrochenen Farbakkorden verdichtet sich Paco Knöllers sinnlich-stoffliche Ölkreidemalerei zu Bilderscheinungen von verführerischer Anziehungskraft und poetischer Bedeutung, die sich über die Rätselhaftigkeit der Farbausdehnungen, Formen und Gesten erheben und die gesammelte Energie des Arbeitsprozesses zu überwinden scheinen. Als sei das Bildgeviert ein Fenster treiben an- und abschwellende Linienverläufe, wolkige Firmamente und bewegte Formgefüge über die Bildflächen und über diese hinaus, um in der Durchlässigkeit ihrer Membranen, in denen sich die handschriftlichen Setzungen und Ölkreideflächen nach den Gesetzen einer sinnlichen Osmose gegenseitig durchdringen, ahnungsvoll durchschaubar zu bleiben.

Als wesentliches Ausdruckselement arbeitet Paco Knöller, der zu den wichtigsten Malerzeichnern seiner Generation in Deutschland zählt, mit Überlagerungen und Schichtungen, die sich umspülen und durchdringen. Das Zudecken, das Farbe gewöhnlich auf einem Malgrund bewirkt, bei Paco Knöller wird es zugleich zum Aufdecken eines ambivalenten Vorgangs der Bildwerdung, der sich zwischen intuitivem Gestus und atmender Flächensetzung, zwischen gesteuerter Kontur und pinselfreier Händearbeit entfaltet.

Mit archäologischem Spürsinn schürft Paco Knöller lustvoll zeichnend in den Sedimenten unserer Vorstellungswelten, die aus den Tiefen des Bewusstseins und der Erinnerung an die Oberfläche drängen. Seine Arbeiten erscheinen allesamt als Resultate eines lyrischen Versuchs, sich in abstrahierten Fragmenten die Choreografie unserer natürlichen Lebensräume zu vergegenwärtigen und sich gleichzeitig von ihr zu befreien. Ohne imitierende Anleihen destilliert der Künstler aus den flüchtigen Erscheinungsbildern der Wirklichkeit und der Anatomie des Gesehenen vitale Zeichnungsstücke. Hauptdarsteller in seinem Werk sind jene sensiblen Lineaturen und biomorphen Formen, die als »Realitätspartikel« (Paco Knöller) Geschichten erzählen und sich doch ohne gegenständliches Signifikat frei entfalten.

Paco Knöllers optische Sorgfalt bewahrt das Staunen über das sinnliche Ereignis der Wirklichkeit. Seine Bildsprache, deren Lesbarkeit in einer atmosphärischen Übertragung liegt, hält sich frei von stilistischen Annäherungen an die Ismen unserer Zeit, um aus der Notwendigkeit des Augenblicks den geheimnisvollen Zauber unserer Welt in ein alchemistisches Konzert aus Farben, Formen, Gesten und Linien zu bannen.

Mit unbeirrter Schaffenskraft, unvoreingenommen, neugierig und frei in seinen gestalterischen Entscheidungen entfaltet Paco Knöller die Poesie der kleinen Dinge zur großen Geste und zum eindrucksvollen Bild. Auftrumpfend wird hier die Lebenskraft einer malerischen Zeichnung vorgeführt, die aus den Territorien der Vernunft hinausführt, die geistige Räume eröffnet, die Fragen nach der Gewissheit unserer Seherfahrung aufwirft, die die Welt als subjektive Wirklichkeitserfin- dung definiert und die sich dadurch die Aura eines Restgeheimnisses bewahrt.

Ohne erzählerische Wegleitung oder verabredete Bedeutung, aber mit einem sinnstiftenden Echo appellieren Paco Knöllers Werke an unser anschauen- des Vermögen und unsere teilnehmende Haltung.

Als Betrachter fühlen wir uns von der faszinierenden Wirkkraft der sensiblen Bildplanungen angezogen. Sie handeln von Atemblau und Lichtsaaten, Aufwachräumen und Lidrändern des Sees. Die Botschaften, die der Künstler vermittelt, sind keine Nachrichten, sondern Chiffren, Hinweise auf das Wesentliche: den Facettenreichtum lebendigen Seins. Seine Bilder scheinen Tafeln für ein Weltverständnis aufzustellen, um sich im Augenblick ihres Erscheinens dem logischen Begreifen wieder zu entziehen: Wenn Zellkerne zu wandernden Planeten werden.