Mit „Negotiating the Law – Das Recht verhandeln“ greift der Videokünstler und Filmemacher Mario Pfeifer das aktuell viel diskutierte Thema rassistischer Gewalt auf. Das Edith-Russ-Haus für Medienkunst zeigt die Ausstellung vom 29. Oktober 2020 bis zum 10. Januar 2021. „Pfeifers Werk will zu einer Diskussion über rassistische Gewalt sowie die Bedeutung des zivilen Aktivismus in unserer Gesellschaft anregen“, sagt das Leitungsteam des Edith-Russ-Hauses Edit Molnár und Marcel Schwierin.

In der großen Halle des Edith-Russ-Hauses eröffnet die Ausstellung mit der großformatigen Installation „Again/Noch Einmal“ von 2018, die  sich mit einem Vorfall in der Nähe von Dresden 2016 auseinandersetzt, bei dem Shabaz al-Aziz, ein kurdisch-irakischer Geflüchteter, nach einem Streit mit einer Supermarktkassiererin attackiert und von vier ortsansässigen Männern an einen Baum gefesselt wurde. Bevor der Prozess gegen die vier Männer begann, wurde al-Aziz in einem Wald tot aufgefunden. Pfeifer rekonstruierte das virale YouTube-Filmmaterial des Angriffs auf Shabaz al-Aziz mit der Schauspielerin Dennenesch Zoudé und dem Schauspieler Mark Waschke und lud Menschen verschiedener Nationalitäten – die überwiegend als Migrantinnen und Migranten in Deutschland leben – dazu ein, als Geschworene aufzutreten und Fragen zu unserer Realitätswahrnehmung, zu Medienmanipulationen, zur Justiz sowie zu Gerechtigkeit und Demokratie zu stellen. Das Ausstellungspublikum wird virtuell Bestandteil dieser Jury und ist so aufgefordert, sich selbst ein Bild von den Ereignissen zu machen.

Das Werk „#blacktivist“ aus dem Jahre 2015  ist ein Manifest gegen brutale Polizeigewalt, die selektive Anwendung von Gesetzen und den hohen Stellenwert von Selbstverteidigung mit Waffen. Die Arbeit, die Pfeifer zusammen mit der Rap-Gruppe „Flatbush ZOMBiES“ aus Brooklyn konzipierte, integriert filmische Darstellungen von Polizeigewalt – festgehalten von Überwachungskameras und Body-Cams – in die Ästhetik eines konventionellen Musikvideos. Dies wird kombiniert mit Filmmaterial aus dem Internet, das Waffen verherrlicht und Angriffe wie Gegenangriffe zeigt, sowie mit der Dokumentation eines Waffenherstellers in Austin, Texas, der gewöhnliche 3D-Drucker nutzt und dadurch die Gesetze zum Waffenhandel und  -besitz in den USA vor Herausforderungen stellt.

Der konzeptionelle Ausgangspunkt der Ausstellung „Das Recht verhandeln“ ist die neue Arbeit Pfeifers „Zelle 5 – 800° Celsius“. Sie beruht auf der künstlerischen Aufarbeitung von forensischen Materialien im zutiefst verstörenden Fall von Oury Jalloh, eines Sierra-Leoners, der in Deutschland Asyl gesucht hatte und 2005 in der Gewahrsamszelle 5 des Polizeireviers Dessau-Roßlau verbrannte.

Der Oury Jalloh-Komplex ist eine der umfassendsten und bis heute kontroversesten Fälle, der die Frage nach institutionellem Rassismus bei der Polizei in Deutschland aufwirft und darüber hinaus den Aufklärungswillen der Justiz grundlegend in Frage stellt. Der Künstler folgt diesem Fall in enger Zusammenarbeit mit der aktivistischen Bewegung „Break the Silence – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“. „Mittels forensischer Untersuchungen wurde im Herbst 2019 festgestellt, dass Oury Jalloh physische Verletzungen vor dem Brandausbruch hatte, die in Frage stellen, ob er überhaupt noch bei Bewusstsein war. Ebenso war der Kohlenmonoxidgehalt in seinem Herzblut 0,0 Prozent. Diese rechtsmedizinischen Erkenntnisse offenbaren aus meiner Sicht vielerlei Fragen“, erläutert der Künstler Mario Pfeifer und fährt fort: „Meine Installation ‚Zelle 5‘ zitiert aus Dokumenten der Politik, Justiz und der aktivistischen Bewegung ‚Break the Silence – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh‘. Mit der Bereitstellung dieser Materialien, die sowohl in den Gerichtssälen, Untersuchungslaboren und den Medien ausgewertet wurden, möchte ich dem Publikum einen Einblick in die Erkenntnisse sowie in die Aufklärungsarbeit der Aktivisten, die für Gerechtigkeit und Verantwortung im Fall Jalloh kämpfen, ermöglichen. Es geht darum, Stellung zu beziehen und ihre Indizien in einem Raum vorzulegen, der ausschließlich der Repräsentation ihrer Erkenntnisse vorbehalten ist.“

Da er die Dreharbeiten zu dieser Arbeit auf Grund der Corona-Pandemie nicht wie geplant durchführen konnte, hat Pfeifer das Werk in drei Akte aufgeteilt, von denen die ersten beiden in dieser Ausstellung als multimediale Installation und Performance zu sehen sein werden.

Die Installation „Akt 1“ erstreckt sich über drei Räume. Im Zentrum der beiden ersten Räume steht  das vielleicht wichtigste Beweisstück im Fall Jallohs, ein gewöhnliches Einwegfeuerzeug. Dieses Feuerzeug tauchte erst drei Tage nach der Sicherung des Tatorts auf, wobei die Ermittler angaben, dass es vorher übersehen worden sei. An diesem Beweisstück konnten weder DNA-Spuren von Jalloh noch Überreste von Materialien aus der Zelle gefunden werden. Stattdessen wurden Fremdfasern, fremde unbestimmte DNA und Tierhaare nachgewiesen. Der Künstler hat mit einem Brandexperten die Verbrennung eines solchen Einwegfeuerzeug rekonstruiert und zeigt damit auf, wie Beweisstücke nachträglich produziert werden können. Die Stimme der Oldenburger Schauspielerin Helen Wendt kontrastiert die hochauflösenden Aufnahmen des Experiments mit der juristischen  Sprache der originalen Gutachten. Der dritte Raum ist der aktivistischen Arbeit der Initiative  gewidmet.

„Akt 2“ wird eine Live-Performance sein, bei der Schauspielende Gerichtsprotokolle und Zeugenaussagen verlesen und dadurch die Abläufe im Gerichtssaal reinszenieren. Durch das theatrale Reenactment sollen sich die Suche nach der Wahrheit im Fall von Oury Jalloh und ihre erneute Überprüfung allmählich entfalten. Es vermittelt dem Publikum die unterschiedlichen Vorstellungen von „Wahrheit“, die vor Gericht, im Leben und im Raum der Kunst zum Tragen kommen. „Was hier zum Vorschein kommt ist, denke ich, eine erschütternde Dokumentation von Unwahrheiten, die den Fall Oury Jalloh bis heute begleiten und eine Aufarbeitung nach wie vor für die Zivilgesellschaft unabdinglich machen“, bekräftigt Pfeifer.

„Akt 3“ des Projekts „Zelle 5“ wird aufgrund der Corona-Krise später umgesetzt werden. Geplant sind eine Videoinstallation und ein Film, den Pfeifer erstmals 2021 im Edith-Russ-Haus zeigen will. Die Arbeit beschäftigt sich mit fünf verschiedenen Szenarien des Brandes.

Die Ausstellung wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, von der Nord/LB Kulturstiftung und der Rudolf Augstein Stiftung unterstützt.

Über den Künstler
Mario Pfeifer war 2019 Preisträger des Stipendiums für Medienkunst der Stiftung Niedersachsen am Edith-Russ-Haus. Er wurde 1981 in Dresden geboren und studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, der Universität der Künste, Berlin, der Städelschule ? Hochschule für Bildende Künste, Frankfurt am Main und dem California Institute of the Arts, Los Angeles. Pfeifer war Fulbright- und DAAD-Stipendiat und Artist-in-Residence am ISCP in New York, den Gasworks in London und der Cité Internationale des Arts in Paris.

Noch einmal, 2-channel video installation, 2018 © Mario Pfeifer
29.10.2020 - 10.01.2021

Mario Pfeifer: Negotiating the Law – Das Recht verhandeln

Edith-Russ-Haus

Katharinenstr. 23
26121 Oldenburg